Jonathan Progin ist seit Dezember 2022 Redaktor von «Finanz und Wirtschaft». Foto: Goran Basic

Forschung  Studien

27.05.2024

Die Google-Korrelation

Mit 150 Millionen Euro unterstützte Google mit seiner Digital News Initiative Projekte von Medienunternehmen. Auch Schweizer Medien haben profitiert. Jonathan Progin hat untersucht, ob sich das auf die Berichterstattung über Google ausgewirkt hat.

Von Bettina Büsser

Du hast in deiner Masterarbeit* untersucht, ob sich die Digital News Initiative von Google auf die Medienberichterstattung in der Schweiz auswirkt. Weshalb?

Jonathan Progin: Medienpolitik, Medienjournalismus und die Digitalisierung der Medien interessieren mich. Ich habe die Tech-Konzerne immer kritisch verfolgt und mich auch mit der Digital News Initiative (DNI) von Google befasst. Es gibt Schweizer Medien, die DNI-­Gelder von Google erhalten haben. Darüber wird zu wenig gesprochen. Ich wollte untersuchen, ob es irgend­welche Effekte solcher Zahlungen auf die Bericht­erstattung gibt.

Wie gingst du vor?

Ich habe zwei Gruppen von Deutschschweizer Medien ausgewählt. Die eine umfasst mit «20 Minuten», «Blick», NZZ, «Tages-Anzeiger», «Aargauer Zeitung», «bz Basel», «Berner Zeitung» und «Bund» Medien, deren Verlage von Google DNI-Gelder erhalten haben. Zur anderen Gruppe gehören mit SRF, «Swissinfo», «Wochenzeitung» und «Weltwoche» Medien, die keine DNI-Gelder erhalten haben.

Ich habe Artikel dieser Medien untersucht, die ich aus der Schweizer Mediendatenbank bezogen habe. Bei den Abschnitten, in denen «Google» vorkommt, habe ich eine Sentiment-Analyse eingesetzt, mit der man die Tonalität von Artikeln automatisiert bestimmen kann. Es handelt sich um eine computergestützte Zählung von positiv konnotierten, negativ konnotierten und neutralen Wörtern. So habe ich über hunderttausend Abschnitte analysiert, die in einem Zeitraum von mehreren Jahren erschienen sind.

Wie war das Ergebnis?

Ich habe einen Effekt, eine Korrelation gefunden: Die Gruppe der Deutschschweizer Medien, deren Verlage Geld von Google erhalten haben, hat tendenziell posi­tiver über Google berichtet als die Gruppe der Medien, die kein Geld erhalten hat. Allerdings gibt es keine Kausalität, denn diese lässt sich mit diesen Daten und dieser Methode nicht bestimmen. Ich kann also nicht sagen, die unterstützten Medien hätten wegen der DNI-Gelder positiver berichtet. Das Ergebnis ist auch nicht sehr ­robust. Aber eine Korrelation konnte ich nachweisen.

Journalistinnen und Journalisten, die in DNI-geförderten Medien arbeiten, würden sicher sehr wütend, wenn man ihnen unterstellen würde, sie hätten für Google-Geld positiv berichtet.

Ich habe nie behauptet, das sei geschehen oder man könne in einem solchen Medium nicht mehr frei über Google berichten. Ich glaube es auch nicht, denn es gibt keine Anzeichen dafür. Aber ich finde, man sollte sich bewusst sein, dass ein Förderprogramm eines so mächtigen Tech-Konzerns, der in der Medienbranche stark verankert ist, potenziell ein Problem sein kann. Wir sollten das im Auge behalten und kritisch betrachten.

Für meine Arbeit habe ich mit dem Journalisten ­Alexander Fanta gesprochen, der in Deutschland zusammen mit Ingo Dachwitz die Studie «Medienmäzen Google»** publiziert hat. Fanta vermutet, dass die Förderung durch Google zu einer Selbstzensur bei Journalistinnen und Journalisten führen kann. In der Studie beschrieb er, dass die Trennung zwischen Redaktion und Verlag durchlässiger wird, weil Innovationen für den Journalismus mit Beteiligung der Redaktionen entwickelt werden müssen.

Deine Masterarbeit wurde von den Medien kaum thema­tisiert.

Ich habe die Ergebnisse auf Twitter grob zusammengefasst, weil ich in erster Linie Personen, die sich für das Thema interessieren, erreichen wollte. Meine ganze ­Arbeit ist für alle frei zugänglich. Dass sie bei Medien auf grosse Resonanz stösst, habe ich nicht erwartet. Das war auch nicht das Ziel. Vielleicht schreiben Medien nicht so gerne über Googles Geldströme zu den Verlagen. Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber in der Branche sind die Gelder wohl schon ein Thema.


* Jonathan Progin: «Don’t be evil, Google. Effects of Google’s Digital News Initiative on Media Coverage in Switzerland», Masterarbeit in Politikwissenschaft an der Universität Zürich, Zürich, 2022

** Ingo Dachwitz  / Alexander Fanta: «Medienmäzen Google. Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt». Ein Projekt der Otto Brenner Stiftung, Frankfurt am Main, 2020


Google und seine DNI

Google ist im Tech-Markt eine Supermacht. Kein Wunder also, gibt es immer wieder Bemühungen, diese Macht zu bremsen, etwa mithilfe des Kartellrechts. Aber auch im Medien- und im Werbemarkt ist Google mächtig. Laut einer vom Verband Schweizer Medien (VSM) in Auftrag gegebenen Studie* erwirtschaftet das Unternehmen allein in der Schweiz jährlich eine Milliarde Franken mit Werbung. Deshalb soll Google, so ein Ansatz in der Schweiz und in europäischen Ländern, Medienunternehmen für die Nutzung ihrer Inhalte entschädigen. Ein neues Urheberrecht mit entsprechendem Leistungsschutz ist in der EU seit 2021 in Kraft. In der Schweiz wurde eben die Vernehmlassung für eine entsprechende Änderung des Urheberrechts abgeschlossen. Es sieht vor, dass grosse Onlinedienste Medienunternehmen eine Vergütung bezahlen müssen, wenn sie Text- oder Bildvorschauen, sogenannte Snippets, in ihre Angebote aufnehmen.

Seit mehr als zehn Jahren laufen in Europa Diskussionen um die Macht von Google, um Leistungsschutz und Urheberrechte. Google hat unter anderem mit einer Charme-und Geld-Offensive reagiert: Das Unternehmen richtete, «um die Digitalisierung von Verlagen und Journalismus zu unterstützen», 2015 einen Innovationsfonds mit 150 Millionen Euro ein – das Programm hiess «Digital News Initiative» (DNI). Medienunternehmen aus Europa konnten Projekte einreichen, die, so Google, «zentrale Probleme und Herausforderungen des digitalen Wandels in Ver lagen und Redaktionen adressierten».

Die DNI lief von 2015 bis 2019. 662 Projekte in Europa wurden unterstützt. Davon stammten 15 aus der Schweiz, insgesamt erhielten sie von Google 3,4 Millionen Franken. Laut dem Google-Bericht über die DNI waren es folgende Medien und Medienhäuser: awp Finanznachrichten AG, AZ Zeitungen AG (AZ Digital), Blasting News Ltd., FixxPunkt AG (Watson), Heidi Média SA (Heidi.news), Le Temps SA, Neue Zürcher Zeitung AG, Scitec-Media, TagesWoche, Tamedia AG, WAN-IFRA und We.Publish Association.


* Alexis Johann, Mia Drazilova, Sarah Treweller und Julian Möhlen: «Der Wert von journalistischen Inhalten für die Suchmaschine Google in der Schweiz. Eine verhaltensökonomische Betrachtung zum Leistungsschutz», Zürich, 2023

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