Unkonventionelles Magazin: Neue Narrative macht die «egofreie Wirtschaft» nicht nur zum Thema, sondern praktiziert sie selber.

Aktuell – 11.10.2021

So arbeitet eine selbstorganisierte Redaktion

Eine Organisation mit Prozessen und Strukturen von Grund auf neu erfinden: Das war das Ziel des jungen Wirtschaftsmagazins Neue Narrative aus Deutschland. Wie funktioniert das? Co-Gründer Martin Wiens gibt Einblick ins Organisationsmodell seiner Redaktion.

Von Konrad Weber

10 000 Abonnentinnen und Abonnenten: Vor einigen Wochen hat Neue Narrative diese erste, magische Grenze geknackt. Das Magazin aus Berlin ist nur im Abo erhältlich, erscheint ohne Vertrieb am Kiosk. Es ist nicht die einzige Besonderheit.

Das Team hinter dem jungen Wirtschaftsmagazin ist mit der Mission an den Start gegangen, Geschichten aus einer «egofreien Arbeitswelt» zu erzählen. Sie sollen zum Anpacken, Nachmachen und Weiterdenken einladen. Dabei will man nicht nur über eine neue, menschenzentrierte Arbeitswelt schreiben, sondern versucht gleich selbst, der Prototyp einer selbstorganisierten, verantwortungsbewussten und unabhängigen Organisation zu sein.

«Wir wollten beim Start von Neue Narrative eine Organisation mit Prozessen und Strukturen entwickeln, die nicht grosse Egos incentivieren», erklärt Co-Gründer Martin Wiens. Nach zwei Jahren ist das Gründungsteam von drei Personen auf 15 Mitarbeitende angewachsen. Seit Juli 2020 ist Neue Narrative zudem ein Unternehmen im sogenannten Verantwortungseigentum: Wer am Unternehmen ­be­teiligt ist, partizipiert nicht wie üblich am Gewinn. Im Vordergrund steht die Verwirklichung des Unternehmenszwecks und nicht das Gewinnstreben Einzelner.

«Wir stehen aktuell an der Schwelle zur nächsten Entwicklungsstufe», erklärt Martin Wiens. Das Team hat sich zum Ziel gesetzt, einen Verlag der Zukunft zu bauen. Das Rezept dazu: eine egofreie Unternehmenskultur, moderne Strukturen und agile Prozesse. Doch wie sieht dies im Redak­tionsalltag aus?

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Gemeinsame strategische Ziele. Kern der Unter­nehmenskultur von Neue Narrative ist ein regelmässiger Prozess, in welchem die Mitarbeitenden das «Wie» und das «Was» der gemeinsamen Arbeit reflektieren. Das Team hat sich dabei auf drei strategische Ziele geeinigt:

  • Neue Wachstumskanäle machen uns unabhängig.
  • Wir wachsen zu einem dezentralen Digitalverlag.
  • Wir knacken die Grenze von 1 Million Jahresumsatz.

Diese Ziele hat das Team in messbare und zielgerichtete Projekte übersetzt. Wöchentlich wird über deren Weiterentwicklung gesprochen, falls nötig die Strategie angepasst.

Mehr Eigeninitiative ermöglichen. Zudem hat das Team eine «70:30-Regel» eingeführt. Martin Wiens erklärt: «Wir streben an, dass wir alle mindestens 70 Prozent unserer Arbeitsenergie auf Sachen verwenden, auf die wir uns gemeinsam geeinigt haben. Bleiben also immer noch 30 Prozent für Projekte und verrückte Ideen, die man aus Eigeninitiative starten will.»

Eine der wichtigsten Komponenten für die Zusammenarbeit bei Neue Narrative ist das Arbeiten mit sogenannten «Spannungen». Jede Person kann laufend in einem ­digitalen Kollaborations-Tool eine solche «Spannung» erfassen. Das können Geschehnisse, Beobachtungen oder sonstige Themen sein, welche auch die anderen Team-Mit­glieder betreffen. Hierbei wird zwischen dem reinen Austausch von Informationen, einem Stimmungsabgleich («Resonanz einholen») und dem Anfordern von To-dos oder Projekten unterschieden.

Agiler Redaktionsprozess. Nach einer ähnlichen Logik hat das Kollektiv den redaktionellen Magazin-Prozess aufgebaut und sich dabei einer Methodik bedient, die eine möglichst flexible Produktentwicklung und ein agiles Projektmanagement erlaubt: die sogenannte Scrum-Methode. Die Phasen zwischen Heft-Planung, Auftragsvergabe, Lektorat, Layout und Publikation wurden in zehn Sprints aufgeteilt. Jeder Sprint hat seine eigene Bestimmung und Zeitdauer. Zum Beispiel:

  • Ein Text hat einen präzisen Teaser.
  • Für jeden Text wird eine klare Struktur entwickelt.
  • Eine 80-Prozent-Version ist fertig geschrieben und geht ins Lektorat.

Bereits vor dem Start in den ersten Sprint steht die grobe Struktur des Magazins fest. In einem Kickoff-Meeting sammelt das Team Themen und weist diese den feststehenden Formaten zu (wie Essays, Tools, Guides). So will man sicherstellen, dass der Rhythmus des Magazins stimmt und dieses sich am Ende anfühlt «wie ein richtig guter Workshop».

Nebst den Sprints hat das Team auch die Logik der User-Story für sich adaptiert. User-Stories sind ein nützliches Werkzeug, um Projekte inhaltlich zu steuern. Sie beschreiben in wenigen Sätzen, was ein Artikel will und warum er das will. Jeder Text entspricht einer User-Story, die nach festgelegten Regeln formuliert und verfolgt wird. Damit eine Story weitergegeben werden kann, müssen klar definierte Tasks erledigt worden sein. Das sorgt für Transparenz und Messbarkeit der Resultate.

Martin Wiens, Co-Gründer des Magazins Neue Narrative

Wie Artikel entstehen. Nach gleichem System funktioniert die Auftragsvergabe an eine Autorin oder an einen ­Autor. Bevor sich jemand ans Schreiben eines Textes macht, werden stets ähnliche Kriterien geklärt:

  • Welchem Zweck dient der Text?
  • Welchen Nutzwert soll er liefern?
  • Definition eines Sparring-Partners bzw. Gegenlesers
  • Definition des Formats (Guide, Essay, Kolumne, Tool)
  • Klare Länge des Textes
  • Zeitpunkt für die Übergabe ans Lektorat
  • Kostendach

«Ein solches Vorgehen funktioniert sicher nicht für jede Autorin oder jeden Autor», sagt Martin Wiens. «Zu unserem Team aber passt es gut. Die Struktur hilft uns, nicht erst über den fertigen Inhalt zu sprechen, sondern schon die Schritte dorthin transparent zu machen. Das macht Ego-­Alleingänge unwahrscheinlicher und führt nach unserer Erfahrung fast immer zu besseren Ergebnissen.»

Qualität statt Quantität belohnen. Passend zum ­Magazinprozess werden die freien Autorinnen und Autoren bei Neue Narrative nicht nach Quantität bzw. Zeilenumfang entschädigt, sondern nach der investierten Zeit. «Der Incentive soll sein: ‹Du wirst für gute Arbeit bezahlt und nicht für die Menge des Geschriebenen.› So wollen wir auch Anreize setzen für mehr Transparenz im Schreibprozess», erklärt Martin Wiens. Zu diesem Zweck wird bei Auftragsvergabe jeweils ein ungefähres Kosten- respektive Stundendach definiert. Falls eine Geschichte aus Zeit- oder sonstigen Aufwandsgründen nicht im geplanten Rahmen umsetzbar ist, sollen Autorinnen und Autoren frühzeitig ein Zeichen geben. Dann wird der Deckel nach oben angepasst. Denn auch hier gilt die Philosophie des Magazins: Selbstorganisation und Vertrauen stehen über allem.

Konrad Weber begleitet als Strategieberater und Coach Einzelpersonen, Teams und Organisationen in ihrem digitalen Wachstum. Er war zuvor unter anderem Digitalstratege beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Weitere Praxisbeispiele und Tipps zur digitalen Transformation: konradweber.ch«

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