Spiel «Reporter», entwickelt von RTS und Helvetiq.

Mediennews

31.12.2025

Die Wahrheit? Ein Kinderspiel …

Kreatives Kartenspiel als Einstieg in die Welt von Journalismus, Fake News und Recherche: Radio Télévision Suisse und der Verlag Helvetiq lancieren gemeinsam ein Brettspiel, das Jugendliche an Factchecking und journalistische Grundtechniken heranführt. Eine Entdeckung – und vielleicht erst der Auftakt zu weiteren Szenarien, stärker verankert in echten Schweizer «Fällen».

Von Gilles Labarthe

Ein klassisches Brettspiel mit Plan, Karten und Anleitung, hübsch verpackt in einer farbigen Schachtel – und das mit dem Anspruch, ein breites Publikum für die Prinzipien der journalistischen Recherche zu sensibilisieren: ein mutiger Ansatz in einer Medienwelt, die seit Jahren fast ausschliesslich auf digitale Anwendungen setzt, meist gemeinsam mit der Entwicklerbranche. Genau diesen Weg wählte jedoch RTS: Ihr Marketing-Team sowie die Einheit für Medienbildung haben zusammen mit Helvetiq das Spiel «Reporter» entwickelt. Vorgestellt wurde es kürzlich im Musée Suisse du Jeu in La Tour-de-Peilz. Die Präsentation bot den beteiligten Medienschaffenden Gelegenheit, die Entstehung des Projekts zu erläutern und mit dem Publikum das Spiel in kleinen Gruppen in einer gemütlichen Atmosphäre auszuprobieren.

Immersiv und spielerisch

Das Ziel ist klar: «In diesem neuartigen Spiel schlüpfen die Teilnehmenden in die Rolle von Journalistinnen und Journalisten und führen Recherchen durch, die von realen Situationen inspiriert sind. Unter Mitwirkung erfahrener RTS-Reporterinnen und -Reporter entwickelt, sensibilisiert ‹Reporter› auf spielerische Weise für das Überprüfen von Informationen und für gute Reflexe im Umgang mit Fake News.» So die Einführung. Raphaël Leroy, Leiter des Recherchepools von RTS, erinnerte an die umfangreichen Arbeiten zu Abklärung und Verifikation, welche jeder Investigativ­recherche vorausgehen. Und daran, dass ihn die «Affäre Maudet», die er als einer der Ersten öffentlich machte, mehrere Jahre beschäftigte – «auch wenn nicht nur ich daran gearbeitet habe», wie er ­lachend anfügte.

Das pädagogische Potenzial des Spiels betonte auch Tania Chytil, Journalistin sowie Produzentin für Bildung und Jugend bei der RTS. «Das Spiel wird in den kommenden Monaten in Schulen vorgestellt und steht in der Medienwoche Anfang 2026 auf dem Programm», ergänzt die Kommunikationsverantwortliche Carine Séchaud. Eine deutsche Version liegt noch nicht vor. «Reporter» sei Teil eines umfassenden «Medienbildungs-Ökosystems» von RTS, die ihr Engagement gegen Desinformation und Fake News in den letzten Jahren verstärkt habe und dabei auch Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren im Blick habe.

Die (sehr) Jungen sensibilisieren

Diese Vermittlungsarbeit spiegelt sich in den beiden Spielszenarien. Das erste richtet sich klar an die (sehr) junge Generation und an Social-Media-Userinnen und -User: «Ein seltsames Foto geht viral: Angeblich treibt ein Monster im Genfersee sein Unwesen! Handelt es sich um einen Scherz, eine Statue oder gar um ein Kostüm? Nur der gezielte Einsatz eurer Recherchetools führt zur Wahrheit – die überraschen könnte», heisst es in der Anleitung. Das Kartendesign imitiert vertikale Posts auf gängigen Plattformen. Im Zentrum stehen die Grundfragen: Ist das Bild verifizierbar? Lässt sich ausschliessen, dass es eine Fotomontage ist? Kann man die Urheberin oder den Urheber kontaktieren, deren Post bereits zahlreich geteilt und «geliked» wurde?

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Das zweite Szenario dauert länger und «vertieft die erworbenen Kompetenzen anhand einer komplexeren Intrige». Die Ausgangslage: «Ihr arbeitet am Bodensee an einer Reportage zum Thema Grenze. Während des Aufenthalts hört ihr von einer auffällig grossen Menge an Treibgut an einem nahe gelegenen Strand. Angesichts der Wetterlage kommen nur wenige Erklärungen infrage …»

Mehr soll hier nicht verraten werden. Wir wollen die Spannung erhalten. Zwei Beobachtungen jedoch: Der Einstieg mit dem doch eher unwahrscheinlichen Seemonster ist amüsant, aber für eine nächste Version wären gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Themen mit stärkerem Bezug zur Schweizer Realität wünschenswert. Etwa: ein klarer Fall von Racial Profiling? Machtmissbrauch in einer kantonalen Regierung? Ein Wirtschaftskrimi in Genf? An Stoff würde es nicht mangeln, selbst aus lokalen Recherchen liessen sich nationale und internationale Implikationen entwickeln.

Zweitens: Jede Recherche braucht Zeit und echtes Teamwork, und zwar mit Rückhalt durch Redaktion und Leitung. Diese Dimensionen treten im Spielverlauf etwas in den Hintergrund. In den Anweisungen heisst es unmissverständlich: «Achtung, jede Aktion kostet Zeit. Habt ihr genügend Elemente, um rechtzeitig vor Redaktionsschluss einen Artikel zu schreiben?» Das klingt ganz nach der Ansage einer Chefredaktion: «Ein Scoop? Sicher – prüft alles gut, aber macht schnell!»


Spiel «Reporter», entwickelt von RTS und Helvetiq
helvetiq.com

1 Kommentar

#1

Von Beat Döbeli Honegger
23.01.2026
Cooles Projekt - dass es das Spiel (vorerst) nur auf Französisch gibt, hätte sich eine Spur prominenter vielleicht bereits im Lead erwähnen lassen ;-)

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