Es ist nicht einfach, sich einen Überblick über das Newsletter-Angebot in der Schweiz zu verschaffen. Wir haben es versucht und das Angebot in vier Gruppen aufgeteilt. Ganz bestimmt gibt es weitere, spannende Newsletterformate.
Ergänzungen und Hinweise nehmen wir zur Aktualisierung gerne per Mail entgegen: redaktion(a)edito.ch
#1. Der Newsletter als Medium
Die Königsklasse. Diese Newsletter sind selbst das journalistische Produkt.
Heidi.news (Genf)
Heidi hat das Konzept der «Flux» (Themenströme) perfektioniert. Besonders stark sind die «Explorations»: Reportagen, die nicht als langer Text auf der Website erscheinen, sondern in täglichen Episoden über Wochen hinweg im Postfach landen. Der Trick dabei: Serialisierung schafft Gewohnheit. Ähnlich wie bei Netflix-Serien («Binge Watching») erzeugt das episodische Erzählen mit Cliffhangern eine tägliche Öffnungs-Routine, die klassische News-Seiten kaum noch erreichen.
Bajour, Tsüri, Hauptstadt, WNTI
In der Deutschschweiz haben die vier digitalen Stadtzeitungen das Briefing-Prinzip perfektioniert. Im täglichen Newsletter berichten sie persönlich und eigensinnig über Basel, Zürich, Bern und Winterthur. Ob «Basel-Briefung» oder «Wintibrief» – im Newsletter greifen die Macherinnen und Macher auch Geschichten der Konkurrenz auf: Sie schreiben so, wie sich früher die Morgenshow am Radio anhörte.
Republik «Wochenüberblick» / «Tag»
Für die «Republik» ist der Newsletter ein «Beziehungs-Manager». Er ist oft subjektiv geschrieben (Brief-Format), bietet Einblick in den «Maschinenraum» der Redaktion und verknüpft Debatten aus den Kommentarspalten mit den Artikeln. Die «Republik» hat die Erfahrung gemacht, dass Transparenz bindet. In einer Zeit von KI-Texten wird die menschliche Stimme zum Alleinstellungsmerkmal. Der Newsletter ist der Ort, um die «Vierte Wand» zu durchbrechen und Fehler oder Zweifel offen zu kommunizieren.
«Planet Plüss» von Tamedia
Dieser Newsletter ist der Beweis, dass nicht nur die neuen digitalen Medien die Kunst des Briefeschreibens beherrschen. Wissenschaftsjournalist Mathias Plüss nutzt Studien und Berechnungen, um ökologische Fragen präzise und «moralinfrei» zu beantworten. Der Newsletter ist sehr serviceorientiert. Plüss greift oft konkrete Fragen von Leserinnen und Lesern auf, die im Alltag für Unsicherheit sorgen. Etwa: Welche Milchverpackung ist ökologisch am sinnvollsten? Ist es besser, mit Holz oder mit einer Wärmepumpe zu heizen?
#2: Die Kuratoren
Spannende Menschen weisen mit Selektion und Einordnung den Weg durch das Web.
Weekly Filet (David Bauer)
David Bauer kuriert jede Woche «5 Links, die du kennen solltest.» Es sind zeitlose, überraschende Texte aus dem weltweiten Web, die man sonst übersehen würde. Er liefert Kontext (Warum lesen?) und Metainformationen. Das Konzept: Persönlichkeit schlägt Algorithmus. Kuratierung ist eine Vertrauensfrage. Leser:innen abonnieren nicht einfach «Links», sondern Geschmack und Expertise des Kurators.
«Wirtschaft am Freitag» der «Luzerner Zeitung»
Nicht ganz so persönlich, aber doch sehr individuell kuratieren Maurizio Minetti und sein Team des Zentralschweizer Wirtschaftsressorts seit fast zehn Jahren jeden Freitag die wichtigsten Wirtschaftsthemen. Dazu gibt es ein persönliches, pointiertes Editorial.
«Lunch Topics» der «Handelszeitung»
Der Newsletter bietet das tägliche Mittags-Update für Menschen, die in der Mittagspause schnell wissen wollen, was die Wirtschaft gerade bewegt. Der Newsletter ist darauf ausgelegt, in zehn Minuten gelesen zu werden. Er liefert nicht nur nackte Fakten, sondern oft auch eine kurze Einordnung durch die «Handelszeitung»-Redaktion. Warum ist diese Übernahme wichtig? Was bedeutet die Zinserhöhung für den Schweizer Franken? Der Schwerpunkt lieg dabei stark auf der Schweizer Wirtschaft.
«Züritipp» von Tamedia
«Züritipp»? War da nicht mal was? Der Newsletter ist so etwas wie der digitale Enkel der beliebten Print-Beilage und funktioniert als Kurator für das Zürcher Stadtleben. Sein Prinzip ist die Auswahl: Die Redaktion filtert aus der Masse eine Handvoll Tipps heraus. Der Fokus gilt dabei der Gastronomie und dem Nachtleben. Der «Züritipp» richtet sich an Menschen, die in Zürich (oder der Agglomeration) leben und sich als Teil der Stadt fühlen. Es geht nicht um touristische Highlights, sondern um das, was Zürcherinnen und Zürcher wissen sollten. Jeweils vor dem Wochenende gibt es einen grossen Aufmacher («Die 5 besten Badis»), kurze Empfehlungen für Kino, Theater oder Ausstellungen und eine kleine Agenda.
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#3. Die Angebote der Grossen
Auch die grossen Verlage haben Newsletter als Transporteur für ihr journalistisches Angebot entdeckt.
NZZ – Neue Zürcher Zeitung
Die ungekrönte Newsletter-Königin der Schweizer Verlage ist die NZZ: 40 verschiedene Newsletter haben Abonnenten zur Auswahl, vom «Briefing am Morgen» über den wissenschaftlichen «Quantensprung» bis zu «Kochen&Geniessen», «NZZ Reisen» und dem «ETF Navigator». Die wichtigsten Newsletter sind die Tages-Briefings: Sie bieten nicht nur News, sondern auch eine NZZ-typische Einordnung. Der Fokus liegt stark auf Geopolitik, Wirtschaft und liberalen Grundwerten. Die Fach- und Themen-Newsletter gehen da in die Tiefe, wo die NZZ ihre Kernkompetenzen hat: Wirtschaft und Finanzen, Technologie und Wissen, Kultur und Gesellschaft. Eine persönliche Note bieten die Autoren-Newsletter einzelner Redaktoren und der Chefredaktion: Sie schreiben oft in der Ich-Form.
Tamedia
Die Konkurrentin von der Werdstrasse tat sich lange eher schwer mit dem Format. In letzter Zeit hat sich das Angebot aber von der rein automatisierten Schlagzeilen-Liste hin zu kuratierten, persönlichen Briefings entwickelt. Das übergeordnete Ziel ist die Leserbindung: Wer einen Newsletter abonniert, bleibt dem Abo eher treu. Wie die NZZ setzt auch Tamedia aufs «Briefing» respektive auf «Dernières nouvelles» am Morgen und am Abend, versendet von den Regionalzeitungen von der Deutschschweiz und der Romandie. Im Unterschied zur NZZ, die eher global denkt, fokussiert Tamedia dabei sehr lokal. Ein Beispiel: «Rotblau aktuell» bietet alle News rund um den FCB. Ergänzt wird das Angebot vertikal durch Interessen-Newsletter, etwa den erwähnten Nachhaltigkeits-Brief «Planet Plüss» oder «À table» von der «Tribune de Genève».
SRF
Anders als bei den grossen Verlagen steht bei SRF und RTS nicht die Abogewinnung, sondern eher die Transparenz im Vordergrund. Das Konzept der Newsletter unterscheidet sich deshalb grundlegend von privaten Medienhäusern. Paradebeispiel ist der Newsletter des «Echo der Zeit»: Er bietet einmal in der Woche nicht nur Hörtipps auf wichtige Beiträge, sondern auch Einblicke in die redaktionelle Arbeit der «Echo»-Redaktion. Eine wichtige Funktion hat der Literatur-Newsletter: Er bündelt die mittlerweile arg im Programm verstreuten Literaturbeiträge von SRF. Besondere Lesestücke aus Gesellschaft, Kultur, Lifestyle und vielfältige Streaming-Tipps gibt es Sonntags im «Newsletter am Sonntag».
«Die Zeit»
In der Welt der Newsletter können auch kleine Teams gross aufspielen. Das beweist das Schweizer Büro der «Zeit»: Ihr wöchentlicher Newsletter «Grüezi» bietet jede Woche ein persönliches Editorial, einen Blick hinter die Kulissen, ein Mundartwort und ein Leserbild. Der Titel «Grüezi» wirkt auf den ersten Blick etwas anbiedernd, handelt es sich bei der «Zeit» doch um ein deutsches Wochenblatt. Er wurde wohl in Anlehnung an den «Alpenpodcast Servus Grüezi Hallo» der «Zeit» gewählt, wo «Zeit»-Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz jede Woche über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Alpenländer sprechen.
Ringier
Ringer bietet mit dem «Blick» das klassische «Daily»-Format und einige weitere Briefings. Daneben setzt der «Blick» vor allem auf Sport und regionale Newsletter. Sportlich zur Sache geht es mit themenspezifischen Angeboten zu Fussball, Schwingen, Eishockey, Formel 1 und Ski. Mit sechs regionalen Newsletter-Angeboten bietet der «Blick» zudem gebündelt Nachrichten aus den Regionen Basel, Bern/Freiburg, Mittelland, Ostschweiz, Zentralschweiz und Zürich. Ausserhalb der Marke «Blick» ist vor allem das Angebot von Gault&Millau erwähnenswert: Ein hochkarätiger Gourmet-Newsletter für alle «Foodies».
#4 Die Spezialitäten
Wir haben auf LinkedIn dazu aufgerufen, uns spannende Newsletter zu nennen. Die Ausbeute war überwältigend: Newsletter ermöglichen noch jene freie Kreativität, die im offenen Internet zuweilen etwas abhanden gekommen ist.
Eine kleine Auswahl:
Bruno Hofer Kommunalmanagement
Der Newsletter für Gemeindeverantwortliche bringt Best-Practices und Updates aus dem Leben von Gemeinden, Städten und Regionen. Bruno Hofer will den Gemeinden damit Unterstützung bieten und Wissen teilen, damit sie von den Erfahrungen anderer profitieren können.
Business Class Ost
Spannende Kombination von Regionaljournalismus, Wirtschaftsnachrichten und neuen Medien: Galledia bietet unter dem Namen «Business Class Ost» einen Newsletter mit Wirtschaftsnachrichten, Personalwechsel, Networking und Weiterbildung in der Ostschweiz.
Cominmag
Das B2B-Medium berichtet über den Medien-, Kommunikations- und Marketingmarkt, versendet einen täglichen Newsletter auf Französisch und einen wöchentlichen Newsletter auf Deutsch.
Cramp Mag
Antworten auf Fragen rund um Abtreibungsrechte, reproduktive Rechte, reproduktive und mentale Gesundheit von Gabriella Alvarez-Hummel.
Deutsch mal anders
Daniela Lotzen bietet wöchentlich frische Perspektiven auf die deutsche Sprache für Menschen, die sie erst noch lernen müssen. Der Newsletter erscheint wöchentlich und vereint eigenständige Analysen und Essays zur deutschen Sprache, zum Sprachlernen und zu Bildungsprozessen.
Dienstagsmail
Das Dienstagsmail bringt einmal wöchentlich positive christliche News mit Resonanz in den säkularen Medien.
DNIP – Das Netz ist politisch
«Das Netz Ist Politisch» ist das Schweizer Onlinemagazin für netzpolitische Themen, unter anderem mit Adrienne Fichter, Sylke Gruhnwald, Andreas von Gunten und Reto Vogt.
Food Revolution
Der unabhängig Agrarjournalist Jürg Vollmer berichtet in seinem Substack-Newsletter über die Landwirtschaft und die Lebensmittelwirtschaft als zusammenhängendes System.
Hasse mit Liebe
Alles, was Kerstin Hasse wichtig ist. Dazu gehören Popkultur und Politik, aktuelle Gleichstellungsdebatten, Lifestyletrends und Internet-Phänomene.
Init7 Newsletter
Nachrichten des Davids unter den Internet-Provider-Goliaths. Besonders lesenswert: Das persönlich formulierte Editorial von CEO Fredy Künzler.
Konrad Weber
Er sagt, sein Newsletter zwinge ihn dazu, sich selbst regelmässig weiterzubilden und tief in Strategie- und Transformations-Themen abzutauchen.
Lesen und lesen lassen
Jeden zweiten Dienstag bietet «Tagi»-Literaturredaktorin Nora Zukker in ihrem Newsletter Lesetipps zu Büchern, die es sich (aus ihrer Sicht) wirklich zu lesen lohnt.
Patrick Bürglers Serien-Tipps
Alle zwei Wochen verschickt Patrick Bürgler seine Tipps zu den TV-Serien auf den grossen Streaming-Plattformen als Newsletter.
Reformierte News
Die Reformierten Medien informieren mit dem ref.ch-Newsletter über Aktualitäten und Entwicklungen der reformierten Kirchenlandschaft in der Schweiz.
Reporter ohne Grenzen Schweiz
RSF Schweiz bietet einmal monatlich Informationen, Analysen und Neuigkeiten zur Lage der Presse- und Informationsfreiheit in der Schweiz und weltweit.
Ron Orp
Täglicher Newsletter mit News aus dem urbanen Leben. Für sechs Städte und die Romandie teilt Ron gerne seine Geheimtipps zu Kultur und lokalen Unternehmen. Aber auch die Themen und Beiträge der Community werden im Newsletter aufgegriffen.
Seiler kocht
Die Rezepte, Tipps und kulinarischen Geschichten von Christian Seiler gibt es jeden Freitag auch als Newsletter.
Seniorweb
Der Seniorweb-Newsletter erscheint wöchentlich und enthält aktuelle Hinweise auf redaktionelle Beiträge, Veranstaltungen und Lernangebote. Die Themen kreisen um die aktive Teilhabe an Gesellschaft, Politik, Kultur und digitalen Errungenschaften.



