Der Rückzug der Jungen von den journalistischen Medien hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch beschleunigt.

Forschung  Studien

18.05.2026

Junge Nachrichtenkonsumenten wenden sich von Nachrichtenmarken ab

Unter 25-Jährige konsumieren Nachrichten heute primär über soziale Netzwerke und orientieren sich dabei stärker an einzelnen Creators als an etablierten Medienmarken. Das zeigt eine Auswertung des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford, die mehr als ein Jahrzehnt Forschungsdaten zu Nachrichtenverhalten und Einstellungen junger Erwachsener zusammenführt. Die Autoren beschreiben einen strukturellen Wandel, der klassische Reichweiten- und Erlösmodelle von Nachrichtenanbietern fundamental in Frage stellt. Täglich greifen nur noch zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen auf Nachrichten zu, gegenüber 87 Prozent bei den über 55-Jährigen. Redaktionen, die jüngere Publika halten wollen, müssen sowohl ihre Verbreitungswege als auch ihre Inhaltskonzepte überdenken.

Junge Menschen wenden sich von journalistischen Medien ab. Dieser Rückzug der Jungen hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch beschleunigt. 2015 gaben 36 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, Nachrichtenwebsites und -apps seien ihre Hauptquelle; 2025 sind es noch 24 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil sozialer Medien als Hauptnachrichtenquelle in dieser Altersgruppe von 21 auf 39 Prozent. Direkt auf eine Nachrichtenwebsite zu navigieren, tun heute nur noch 14 Prozent der Jungen, gegenüber 28 Prozent bei den Über-55-Jährigen.

Als besonders auffällig bezeichnen die Autoren die Verschiebung bei Plattformvorlieben. Facebook, vor einem Jahrzehnt mit 47 Prozent noch die mit Abstand meistgenutzte Nachrichtenplattform unter 18- bis 24-Jährigen, kommt 2025 nur noch auf 16 Prozent. Stattdessen haben Instagram (30 Prozent), YouTube (23 Prozent) und TikTok (22 Prozent) zugelegt. Rund drei Viertel der Jungen schauen wöchentlich Kurzvideos mit Nachrichteninhalten, deutlich mehr als die älteren Generationen. Zudem nutzen 18- bis 24-Jährige mit 4,6 verschiedenen Plattformen pro Woche auch mehr unterschiedliche Plattformen als die Über-55-Jährigen (3,4).

Creators statt Marken

Beim Nachrichtenkonsum auf sozialen Netzwerken richten 51 Prozent der jungen Nutzerinnen und Nutzer ihre Aufmerksamkeit primär auf individuelle Creators und Persönlichkeiten. Traditionellen Nachrichtenmarken folgen nur 39 Prozent. Bei den Über-55-Jährigen ist dieses Verhältnis nahezu umgekehrt. Dass Junge Creators stärker folgen als Marken, schwächt die direkte Bindung an das professionelle journalistische Ökosystem. Die Forscher warnen, dass Redaktionen, die zu stark auf einzelne Persönlichkeiten setzen, riskieren, ihr Publikum zu verlieren, wenn diese Personen das Medium verlassen.

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Das Nachrichteninteresse ist insgesamt rückläufig, bei Jungen jedoch besonders stark. Nur 35 Prozent der 18- bis 24-Jährigen bezeichnen sich als sehr oder ausserordentlich an Nachrichten interessiert, gegenüber 52 Prozent der über 55-Jährigen. Seit 2013 ist dieser Wert unter Jungen um 25 Prozentpunkte gesunken. Zudem vermeiden 42 Prozent der Jungen Nachrichten manchmal oder häufig, ähnlich wie andere Altersgruppen. Als Hauptgrund nennen alle Gruppen die erdrückende Wirkung auf die Stimmung. Junge geben jedoch überdurchschnittlich oft an, Nachrichten seien nicht relevant für sie (21 Prozent gegenüber 16 Prozent bei Über-55-Jährigen) oder schwer verständlich (15 Prozent gegenüber 5 Prozent).

KI als Orientierungshilfe

Eine weitere Besonderheit der jungen Generation ist die Offenheit gegenüber künstlicher Intelligenz im Nachrichtenkontext. 15 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nutzen KI-Chatbots wöchentlich für Nachrichten, gegenüber 3 Prozent bei den Über-55-Jährigen. Junge verwenden KI dabei häufiger für komplexere Aufgaben: 48 Prozent derjenigen, die KI für Nachrichten nutzen, setzen sie ein, um Berichte leichter verständlich zu machen. 30 Prozent der Jungen sind damit einverstanden, dass Nachrichten überwiegend von KI mit menschlicher Aufsicht produziert werden; bei den Über-55-Jährigen sind es nur 13 Prozent.

Die Studie des Reuters Institute stützt sich auf Sekundäranalysen von mehr als einem Jahrzehnt Forschung, vorwiegend auf quantitative Daten des jährlichen Digital News Report (Online-Befragungen in bis zu 48 Ländern) sowie auf qualitative Studien zu jungen Publika Betrachtet wurden ausschliesslich 18- bis 24-Jährige. Die Autoren betonen, dass Generationenunterschiede bei Einstellungen zu Nachrichten geringer sind als häufig angenommen: Das Vertrauen in Nachrichten liegt bei Jungen neun Prozentpunkte unter jenem der Über-55-Jährigen, bei 37 gegenüber 46 Prozent.

Die Studie erschien im März 2026 und fasst die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zusammen. Für Verlage und Redaktionen formulieren die Autoren drei Handlungsfelder: erstens die Vertriebswege zu jungen Publika überdenken und direktere Beziehungen aufbauen; zweitens Formate konsequenter auf Audio und Video ausrichten; drittens den Nachrichtenbegriff erweitern und Relevanz für den Alltag Jüngerer herstellen. Die Autoren halten fest, dass es wenig Grund gibt zu erwarten, dass junge Menschen mit zunehmendem Alter automatisch zu klassischen Nachrichtennutzern werden.


Quelle
Craig T. Robertson, Amy Ross Arguedas, Mitali Mukherjee, Richard Fletcher: «Understanding Young News Audiences at a Time of Rapid Change». Reuters Institute for the Study of Journalism, Oxford, 24. März 2026. DOI: 10.60625/risj-r08r-mt26

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