Vielleicht zwingt die KI Künstlerinnen und Künstler dazu, sich auf das Menschliche zu besinnen. Bild: Edito (mz/Claud/ChatGPT)

Handwerk  Künstliche Intelligenz (KI)

Podiumsdiskussion | 27.05.2026

KI in der Kultur: Gefahr der ästhetischen Standardisierung

Welche Bedeutung hat KI für Kulturschaffende? Wie ist es um die ästhetische Qualität unter dem Einfluss von KI bestellt? Diese Fragen haben die Schriftsteller Clara O’Campo und Martin R. Dean sowie der Komponist Michel Roth an einem Podiumsgespräch an der Universität Basel diskutiert. Sie warnten vor der Gefahr einer ästhetischen Standardisierung und dem möglichen Verlust von Authentizität in Literatur und Musik. Während Martin R. Dean das Fehlen menschlicher Reifungsprozesse in der KI thematisierte, betonte Michel Roth das Potenzial der Technologie als experimentelles Hilfsmittel in der Lehre. Clara O’Campo hebt im Gegensatz dazu die Bedeutung der körperlichen Erfahrung und des bewussten Verlernens beim künstlerischen Schaffen hervor. Gemeinsam plädierten die Teilnehmenden für eine Stärkung des menschlichen Urteilsvermögens, um sich von rein datenbasierten Modellen abzugrenzen.

Für Schriftsteller Martin R. Dean führt der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu einem Verlust der Authentizität. Er beobachtet, dass die KI geschriebene Texte in ein Phantom verwandelt. Die Frage nach der Echtheit eines Werkes sei kaum noch zu stellen oder zu beantworten. Dieser Prozess sei sogar geeignet, die Vorstellung der einmaligen Aura eines Kunstwerks aufzulösen. Zudem betont Dean, dass es bei Literatur, die stark an die eigene Biografie gekoppelt ist, auf emotionale Ausschläge ankomme, während die KI eine «emotionale Monotonie» bevorzuge und somit echte menschliche Reifungsprozesse nicht abbilden könne.

Die KI kann nicht vergessen

Martin R. Dean benennt dabei einen wichtigen Unterschied zwischen Mensch und KI: Die KI kann nicht verlernen oder vergessen. Wahre Kreativität bedeutet für ihn den «Sprung ins ganz Neue, ins noch nicht Gedachte», was sich nicht einfach aus bereits vorhandenen Daten ableiten lasse. Da die KI sich nur aus dem Vorhandenen speist, sieht Dean im menschlichen Schöpfertum, das Erwartungshorizonte völlig neu sprengt, «unsere letzte Chance». Dean wertet die menschliche Fehlerhaftigkeit als essenziell für die Kunst und plädiert für den Irrtum, das Täuschen und vor allem den «Mut zum Unwissen», da die KI im Gegensatz dazu den Anspruch habe, alles zu wissen.

Michel Roth betrachtet Authentizität und Schöpfertum aus der Perspektive eines Komponisten und warnt vor Standardisierungstendenzen. Weil KI oft etablierte Geschäftsmodelle imitiere, um Dinge «echt» aussehen oder klingen zu lassen, werde sie «immer durchschnittlicher». Das menschliche Schöpfertum hingegen sucht Roth gezielt im Überdurchschnittlichen, Ungewöhnlichen und Irritierenden.

Das Schöpfertum in der KI-Ära

Roth greift auf Friedrich Nietzsche zurück, um das Schöpfertum in der KI-Ära zu definieren: Die KI hält uns den Spiegel vor und zeigt uns, wie sehr wir uns im Alltag und in der Kunst bereits in erstarrten Schemata und Floskeln eingerichtet haben. Echtes Schöpfertum bedeutet für ihn, diese «Konventionen kreativ infrage zu stellen und aufzubrechen». Er teilt Deans Forderung nach dem «Mut zum Unwissen» und einem «guerillamässigen» Vorgehen in der Kunst. Für Roth bedeutet das konkret, als Experte die eigene Komfortzone zu verlassen und sich Situationen auszusetzen, in denen er selbst wieder zum staunenden Anfänger wird, beispielsweise bei unkonventionellen Klangexperimenten an Seilbahnen, wie er das mit seinen Studierenden gemacht hat.

Gleichzeitig weist Roth darauf hin, dass die Definition von Schöpfertum nicht zu elitär gefasst werden dürfe: Für Menschen, die nicht an Hochschulen studiert haben, könne KI ein wichtiges «Ermächtigungs-Instrument» sein, das ihnen überhaupt erst helfe, eigene kreative Ausdrucksbedürfnisse zu artikulieren.

Skepsis gegenüber dem Digitalen

Clara O’Campo setzt dieser positiven Sicht der KI eine grundsätzliche Skepsis entgegen. Sie nutzt digitale Werkzeuge wie den Computer oder KI in ihrem Alltag kaum, da sie die sitzende Tätigkeit und das Licht von Bildschirmen als ermüdend und lästig empfindet. Sie bevorzugt die Unmittelbarkeit von Stift und Papier und lässt sich primär von ihren eigenen aktuellen Interessen statt von Trends leiten.

Sie zieht eine interessante Parallele zur japanischen Kalligrafie, bei der nicht das fertige Produkt oder eine künstlerische Originalität zählen, sondern der meditative, situative Akt des Selbermachens. Entsprechend empfindet sie den klassischen Lektoratsprozess oft als verzerrend und fängt lieber noch einmal von vorne an, um etwas ganz Neues zu versuchen.

Am Ende führt Moderator Axel Christoph Gampp die Künstler zu einer hoffnungsvollen Wende: Möglicherweise zwingt die KI den Menschen dazu, seine eigene Kreativität und Fehlbarkeit neu zu entdecken. Martin R. Dean: «Ich denke, dass im guten Falle die KI uns zwingt, wieder neu und immer noch herauszufinden, was menschlich ist.»

Dienstag, 26. Mai 2026, 18.15 Uhr, Kollegiengebäude Aula:
Podiumsgespräch im Rahmen der Ringvorlesung «Mehr als Intelligenz» der Aeneas Silvius-Stiftung an der Universität Basel.
https://aeneas-silvius.ch/2026-ringvorlesung/

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