Seit 2008 zeigt der Verein «gezeichnet» jedes Jahr im Museum für Kommunikation die besten Karikaturen, seit 2023 verleiht der Verein dabei den Swiss Cartoon Award. Mitgründer und Karikaturist Silvan Wegmann sagt, es fehle den Schweizer Pressezeichnern nicht an Humor, aber zunehmen an Medien.
Du hast 2008 «Gezeichnet» mitgegründet. Was war damals die Idee?
Ich war zu der Zeit viel im Ausland an Cartoonfestivals in Deutschland, Frankreich, Tschechien oder Portugal. Ich fragte mich, warum es so etwas in der Schweiz nicht gibt und warum wir Schweizer unsere Pressezeichner nicht würdigen. Cartoonist Heinz «Pfuschi» Pfister, Marco Ratschiller, damals Chefredaktor des «Nebelspalter», und ich haben deshalb den Verein «gezeichnet» gegründet und beschlossen, eine Ausstellung zu organisieren. Wir wollten einmal im Jahr unsere Kolleginnen und Kollegen zusammentrommeln und unsere Werke zeigen. Das hat auf Anhieb gut funktioniert.
2008 war die Medienlandschaft noch eine andere. Was hat sich für die Karikatur seither geändert?
Die grossen Medienhäuser haben schon damals damit begonnen, Zeitungen und Häuser zusammenzulegen. Die Folge war, dass es weniger Platz für Karikaturen gab: Es brauchte pro Medienhaus nur noch einen Zeichner. Die etablierten Karikaturisten wie Schaad oder Ruedi Widmer konnten sich halten, weil sie schon lange dabei waren, aber für den Nachwuchs wurde es immer schwieriger. Ein Tiefpunkt war der Verkauf des «Nebelspalters» an Markus Somm. Der «Nebelspalter» war oft ein Sprungbrett für den Nachwuchs. Markus Somm wollte eine Art «Canard enchaîné» daraus machen, hat das aber nie geschafft. In der Romandie ist «Vigousse» heute das, was der «Nebelspalter» sein sollte. In der Deutschschweiz haben wir deshalb das Onlinemagazin «Petarde» gegründet. Marco Arigoni konnte «Petarde» als Sprungbrett nutzen und arbeitet jetzt für den «Tagi».
Du selbst arbeitest seit 30 Jahren für CH Media. Was hat sich für dich geändert?
Das Tempo ist viel höher geworden. Ich war einer der ersten, der digital zeichnete, heute machen das alle. Früher hatten wir ein Januarloch und ein Sommerloch. Das ist vorbei. Heute könnte man jeden Tag zehn Cartoons zeichnen. Das ist kein gutes Zeichen: Wenn es den Karikaturisten gut geht, geht es der Welt meistens nicht so gut.
Die Romandie pflegt einen angriffigeren, bissigeren Stil als die Deutschschweiz. Warum?
Das hat in der frankophonen Welt Tradition. Da spielt die Pressezeichnung ohnehin eine grössere Rolle. Zu guten Zeiten hatten die Westschweizer Tageszeitungen immer eine Karikatur auf der Frontseite. Man konnte sich eine Zeitung ohne Karikatur nicht vorstellen. In der Deutschschweiz hat nur der «Tages-Anzeiger» die Karikatur gepflegt. Die fehlende Tradition merkt man auch an den Reaktionen auf die Karikaturen. In der Deutschschweiz löst eine Zeichnung rasch erboste Leserbriefe aus, wo dieselbe Zeichnung in der Romandie noch nicht einmal zu Reaktionen führt. Viele Leute können nicht unterscheiden zwischen Berichterstattung und Kommentar, auch bei einer Zeichnung nicht. Die Deutschschweizer haben einen «Emil-Humor»: Lustig soll es sein, aber nicht zu frech oder gar sarkastisch. In der Romandie pflegt man seit je einen schwarzen Humor, der auch wirklich hinterfragt. Aber wir Pressezeichnenden arbeiten daran.
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Man hat derzeit den Eindruck, dass die Karikatur aus den Zeitungen abwandert in Galerien und Museen. Wird aus dem tagesaktuellen Kommentar ein museales Ausstellungsstück?
Das glaube ich nicht. Wir sind ja froh, dass wir die Cartoon-Häuser haben. Ich finde es schön, dass immer mehr Zeichner ausstellen können, deshalb machen wir auch die «gezeichnet»-Ausstellung. Die grösste Herausforderung im Moment ist die Frage, wie es der Cartoon in die digitale Welt schafft. In den USA publizieren Zeichnerinnen und Zeichner wie Ann Telnaes im Moment vor allem auf Substack, in Deutschland ist es eher Steady.
Überleben Karikaturen die KI?
Auf jeden Fall, da bin ich ganz sicher. Die KI wird die Pressezeichnung verändern, aber das wird sie überleben, da mache ich mir keine Sorgen. Die KI kann zwar zeichnen, schafft aber keine Pointen. Die KI denkt logisch, wir denken bei einer Pointe aber um mindestens zwei Ecken. Als Hilfsmittel kann die KI eine Rolle spielen, aber es braucht die menschliche Pointe.
Welche Rolle hat «gezeichnet» in Zukunft?
Wir haben uns jetzt gut etabliert als die wichtigste Ausstellung für Pressezeichnungen in der Schweiz. Wir sind sehr gut aufgehoben im Museum für Kommunikation. Ich bin guten Mutes, dass «gezeichnet» in dieser Form überlebt. Es ist höchstens eine Frage der Grösse. Wir haben jetzt 55 Karikaturisten ausgestellt, das ist recht viel. Dank «Vigousse» und «Petarde» haben wir wieder Nachwuchs.
Silvan Wegmann («Swen»)
Silvan Wegmann (*1969) absolvierte zunächst die Ausbildung bei der Eidgenössischen Zollverwaltung, hängte den Beamtenjob aber rasch an den Nagel und studierte Modern Art and Design an der Kunst-Fachhochschule F+F in Zürich. Seine ersten politischen Karikaturen veröffentlichte er 1996 im «Badener Tagblatt». Bis heute zeichnet er Karikaturen für die Zeitungen von CH Media, zudem für die «Handelszeitung» sowie die Fachzeitschrift «Schweizer Personalvorsorge». Wichtigste Auszeichnungen: Deutscher Preis für die politische Karikatur, Ranan Lurie Political Cartoon Award, World Press Cartoon Award (2. Platz, 2017). Zudem hat er im Rahmen von «gezeichnet» 2015 den Publikumspreis «Karikatur des Jahres» gewonnen und im März 2026 mit seiner Karikatur «Der breite Hut der Melania Trump» den 2. Platz geholt. Silvan Wegmann lebt und arbeitet in Baden.



