NotebookLM nimmt nur Bezug auf selbst gewählte Quellen (Bild: Edito/mz/Claude/ChatGPT)

Handwerk  Künstliche Intelligenz (KI)

29.06.2026

NotebookLM: Fünf Anwendungen für den Redaktionsalltag

Wer recherchiert, muss NotebookLM kennen: Das Tool von Google analysiert Dokumente, erfindet kaum etwas dazu und eignet sich damit für den journalistischen Alltag besser als ChatGPT und Co.

NotebookLM ist kein «normaler» Chatbot wie ChatGPT, Gemini oder Claude, der aufgrund von Prompts Text generiert oder verbessert. Sinn und Zweck des Werkzeugs ist es, hochgeladene Dokumente oder Onlinequellen zu analysieren, miteinander zu vergleichen oder auf dieser Basis Podcasts, Powerpoint-Präsentationen oder Infografiken zu erstellen.

Der entscheidende Unterschied zu den genannten KI-Modellen ist jedoch: NotebookLM nimmt nur Bezug auf selbst gewählte Quellen und hält sich (meistens) strikt daran. Diese Quellentreue und der Funktionsumfangs machen NotebookLM für journalistische Recherchen so interessant. Edito zeigt fünf Anwendungen für den Redaktionsalltag.

So funktioniert NotebookLM

Wer NotebookLM nutzt, legt zuerst ein «Notizbuch» an. Das ist eine Art Arbeitsmappe für ein Thema oder eine Recherche. Eine dreiteilige Anzeige wird sichtbar: Links die Quellen, in der Mitte der Chat und rechts das Studio.

Links lädt man Quellen hoch (über den Knopf «Quellen hinzufügen» oben links): Das können PDFs, Word-Dokumente, Textdateien, Google Docs, Youtube-Videos oder Webseiten sein. Letzteres funktioniert aber nur bedingt. Besser: Den gewünschten Text von der Website kopieren und über die Funktion «Kopierter Text» hinzufügen.

In der Mitte lassen sich im Chat Fragen zu den Quellen stellen, Zusammenfassungen anfordern oder die hochgeladenen Dokumente gezielt miteinander vergleichen. Dabei zeigt NotebookLM jeweils an, aus welcher Quelle eine Aussage konkret stammt.

Im Studio lassen sich verschiedene Outputs generieren. Zum Beispiel Podcasts, Infografiken, Präsentationen, Mindmaps oder Quizzes. Ein Klick auf die jeweilige Funktion startet die Erstellung sofort, bei einem Klick auf den jeweiligen Pfeil können Nutzer:innen bestimmte Einstellungen vornehmen oder genauer prompten.

Fünf Anwendungen für den Redaktionsalltag

1. Grosses Dokument durchsuchen

Wann macht das Sinn? Ein Geschäftsbericht hat 200 Seiten. Heikle Informationen daraus schaffen es nur selten in die zugehörige Medienmitteilung. NotebookLM lässt die Journalistin selbst fragen.

So geht’s konkret: Beide Dokumente (Geschäftsbericht und Medienmitteilung) hochladen, dann gezielt abfragen: «Welche Aussagen macht der Bericht zum Stellenabbau?», «Zeige mir die Lücken zwischen dem Geschäftsbericht und der Medienmitteilung!», «Gibt es Widersprüche zwischen Kapitel 3 und den Schlussfolgerungen?» NotebookLM zeigt die relevanten Textstellen mit konkreter Quellenangabe und liefert eine starke Analyse.

Worauf achten: NotebookLM kann Stellen übersehen, falsch zuordnen und manchmal auch halluzinieren. Alle Ergebnisse vor der Weiterverwendung unbedingt anhand der Originalquelle prüfen.

2. Geschäftsberichte vergleichen

Wann macht das Sinn? Ein Unternehmen kommuniziert dieses Jahr anders als letztes. Oder behauptet, seit Jahren auf Nachhaltigkeit zu setzen. NotebookLM macht solche Behauptungen überprüfbar.

So geht’s konkret: Mehrere Jahresberichte – etwa die letzten drei bis fünf – in ein Notebook laden. Dann vergleichend abfragen: «Wie hat sich die Formulierung zur Klimastrategie verändert?» oder «In welchem Jahr wurde das Thema Lieferkette erstmals erwähnt?» Das Tool zitiert die Fundstellen aus den jeweiligen Dokumenten. Ebenfalls möglich: Geschäftsberichte zweier Unternehmen vergleichen: «In welchen Bereichen hat Coop dieses Jahr besser abgeschnitten?», «Wo war Migros stärker?»

Worauf achten: NotebookLM kann sprachliche Verschiebungen aufzeigen, aber nicht bewerten, ob dahinter Absicht steckt. Die journalistische Einordnung bleibt Menschenaufgabe.

3. Zitate aus einem Transkript prüfen

Wann macht das Sinn? Ein Interview liegt als Transkript vor. Die Redaktorin will sichergehen, dass ein Zitat in der Endfassung des Texts korrekt wiedergegeben ist und im richtigen Kontext steht.

So geht’s konkret: Transkript und Artikel hochladen, dann fragen: «Vergleiche die Antworten aus dem Transkript mit den Zitaten im Artikel. Wurde korrekt zitiert?». Alternativ dazu: «Liste die Antworten aus dem Transkript auf, die im Artikel nicht vorkommen.» So kann geprüft werden, ob nichts vergessen worden ist.

Worauf achten: NotebookLM zeigt den Kontext eines Zitats, aber bewertet nicht, ob es fair oder zugespitzt wiedergegeben ist. Das bleibt journalistische Urteilssache.

4. Mehrere Quellen zusammenführen

Wann macht das Sinn? Zehn Studien zur selben Frage, fünf Berichte verschiedener Behörden, drei Gutachten mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Wer alles einzeln liest, verliert den Überblick. NotebookLM schafft einen gemeinsamen Abfrageraum.

So geht’s konkret: Alle relevanten Dokumente in ein Notebook laden. Dann thematisch abfragen: «Welche Dokumente widersprechen sich in der Risikobeurteilung?» oder «Welche Massnahmen empfehlen alle Berichte übereinstimmend?» NotebookLM gibt eine Synthese mit Quellenverweisen.

Worauf achten: NotebookLM fasst zusammen, was in den Dokumenten steht, nicht was fehlt. Wer wichtige Gegenpositionen nicht hochlädt, bekommt ein unvollständiges Bild. Die Qualität der Synthese hängt direkt von der Qualität der Quellenauswahl ab.

5. Hintergrundrecherche zu Person oder Organisation

Wann macht das Sinn? Vor einem Interview, bei einer Investigativrecherche oder beim Einstieg in ein unbekanntes Thema: Wer sind die relevanten Akteure, was haben sie wann gesagt, wo gibt es Widersprüche?

So geht’s konkret: Öffentlich zugängliche Dokumente zusammentragen – Jahresberichte, Parlamentsprotokolle, frühere Interviews, Gerichtsurteile – und in ein Notebook laden. Dann abfragen: «Welche Positionen hat diese Person zu Thema X vertreten?» oder «Gibt es Aussagen, die früheren Aussagen widersprechen?» Das hilft bei der Vorbereitung für ein Interview.

Worauf achten: Dokumente mit personenbezogenen Daten sollten nicht leichtfertig in externe Dienste geladen werden. Kommen sensible Personendaten vor, sollten sie vorher geschwärzt oder anonymisiert werden.

Datenschutz und Kosten

Kosten: NotebookLM ist in der Basisversion kostenlos nutzbar. Die erweiterte Version ist im Abo «Google AI Pro» für 17 Dollar pro Monat enthalten und bietet Zugriff auf das leistungsstärkere Gemini-Modell, höhere Nutzungslimits, mehr Output-Formate wie Präsentationen oder Infografiken und die Möglichkeit, noch mehr Quellen hinzuzufügen.

Datenschutz: NotebookLM wird von Google betrieben. Hochgeladene Dokumente liegen entsprechend auf Servern des Konzerns. Für Schweizer Medienhäuser bedeutet das: Vertrauliche Recherchen, Quellendokumente oder Material mit Personendaten gehören nicht in NotebookLM. Geeignet ist das Tool für öffentlich zugängliche Dokumente wie Geschäftsberichte, Parlamentsprotokolle und publizierte Studien.


Reto Vogt ist Chief Product Officer am MAZ und freier Journalist, Kolumnist und Autor. maz.ch, retovogt.ch

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