Mike S. Schäfer, Spezialist für Wissenschaftskommunikation (Bild: John Flury)

Mediennews

Fünf Fragen an Mike S. Schäfer | 16.09.2026

«Zahlen lügen nicht. Aber …»

Eine Zahl bewirkt manchmal mehr als Tausend Worte. Kunststück: Zahlen sind schliesslich Fakten. Aber ist es so einfach? Mike S. Schäfer ist Spezialist für Wissenschaftskommunikation. Er sagt, dass Menschen Zahlen nicht einfach glauben, sondern sie immer auch beurteilen. Guter Journalismus hilft ihnen dabei.

Herr Schäfer, es heisst oft «Zahlen lügen nicht». Stimmt das?

Ja, Zahlen lügen nicht. Aber sie sprechen eben auch nicht für sich. Hinter jeder Zahl stecken Entscheidungen: Was wurde überhaupt gemessen, wie und bei wem? Wenn es zum Beispiel um Bevölkerungsmeinungen geht: Wer wurde befragt, wie genau – und wie wurden die Antworten ausgewertet? Das macht Zahlen nicht beliebig; gute Wissenschaft muss genau diese Entscheidungen transparent und überprüfbar machen. Für Journalistinnen und Journalisten heisst das: Sie müssen fragen, was eine Zahl aussagt – und wie sie zustande gekommen ist.

Aber Zahlen sind und bleiben vertrauenswürdig. Oder?

Zahlen haben in der Tat eine besondere Autorität: Sie wirken präzise und dadurch schnell objektiver als eine rein sprachliche Aussage. Das kann Vertrauen schaffen – aber ein Prozentzeichen ist natürlich kein Gütesiegel für Wahrheit. Und wir vertrauen Zahlen auch nie völlig unabhängig von ihrer Quelle: Eine Statistik des Bundesamts für Statistik, einer Partei oder eines Unternehmens kann formal genauso aussehen und trotzdem ganz unterschiedlich glaubwürdig sein. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Zahl selbst, sondern auch, wer sie produziert hat, wie sie zustande kam und ob wir verstehen, was sie bedeutet.

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In den Medien zählen am Ende nicht die Zahlen, sondern die Schlagzeilen. Wie stark dürfen wir zuspitzen?

Zuspitzung gehört zum Journalismus, aber Verfälschung nicht. Natürlich muss nicht jedes Konfidenzintervall in die Überschrift, aber die Headline sollte dem Gewicht eines Befunds gerecht werden. Wenn eine Studie etwa einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und psychischem Wohlbefinden findet, darf daraus nicht einfach «Social Media macht depressiv» werden – aus einer Korrelation wird dadurch eine Kausalbehauptung.

Interessanterweise zeigt die Forschung auch, dass transparente Unsicherheitsangaben das Vertrauen keineswegs automatisch beschädigen. Journalistinnen und Journalisten müssen Unsicherheit also nicht verstecken, nur weil sie eine Geschichte vermeintlich weniger knackig macht.

Auch wenn die Zahlen stimmen, macht doch jeder daraus, was er will, oder?

Ganz so beliebig ist es nicht. Die Forschung zeigt schon, dass Menschen Zahlen im Licht ihres Vorwissens, ihrer Einstellungen und teilweise auch ihrer politischen oder sozialen Identität interpretieren – bei polarisierten Themen besonders stark. Aber auch die Darstellung selbst macht einen Unterschied: «Das Risiko steigt um 50 Prozent» klingt dramatisch; wenn damit aber ein Anstieg von zwei auf drei Fälle pro 100’000 gemeint ist, entsteht ein ganz anderes Bild. Journalismus kann unterschiedliche Interpretationen nie komplett ausschalten, aber er kann den Spielraum verkleinern: durch klare Bezugsgrössen, sinnvolle Vergleiche und Transparenz darüber, woher die Daten kommen.

Zahlen sagen die Wahrheit. Aber glauben die Menschen noch daran?

Menschen glauben nicht einfach Zahlen – sie beurteilen immer auch, woher sie kommen und ob sie zu ihrem bisherigen Wissen und ihren Überzeugungen passen. Gerade bei kontroversen Themen kann dieselbe Statistik deshalb von verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Trotzdem wäre es falsch zu sagen, Fakten hätten heute keine Wirkung mehr: Studien zeigen ziemlich robust, dass sachliche Korrekturen falsche Vorstellungen im Durchschnitt reduzieren können. Schwieriger ist der nächste Schritt – eine korrigierte Vorstellung bedeutet natürlich nicht, dass Menschen auch ihre politische Einstellung oder ihr Verhalten ändern.

Mike S. Schäfer ist Professor für Wissenschaftskommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) und Direktor des Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (CHESS) an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit Fragen der Vermittlung von Wissenschaft, Technologie und Fachwissen an die Gesellschaft.

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