Reto Vogt ist Techjournalist und CPO beim MAZ (Bild: Caroline Fink)

Mediennews

Reto Vogt | 16.09.2026

«Datenkompetenz und ein gesundes Misstrauen gegenüber Zahlen»

Was macht Datenjournalismus heute aus? Datenjournalismus sei nicht primär eine technische Angelegenheit, sagt MAZ-Programmchef Reto Vogt. Er ist am Ausbildungszentrum MAZ für das Programm verantwortlich. Am wichtigsten sei nach wie vor die «Nase für Geschichten».

Sportjournalist:innen hantieren mit Expected Goals, Lokaljournalist:innen mit Durchschnittstemperaturen: Braucht es überhaupt noch Datenjournalisten oder sind wir das inzwischen alle?

Idealerweise wissen heute alle Journalist:innen, wie sie mit Daten arbeiten können. Zahlen einzuordnen, Datensätze zu lesen, einfache Auswertungen zu machen und vor allem zu erkennen, wann sich mit Zahlen eine Story erzählen lässt, sollte meines Erachtens zum Grundrepertoire gehören.

Das heisst aber nicht, dass es keine Datenjournalist:innen mehr braucht oder wir das alle sind. Zum Datenjournalismus gehört mehr, zum Beispiel die systematische Beschaffung, Bereinigung und Analyse grosser Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen. Dafür braucht es nach wie vor Spezialist:innen, auch wenn die Grenzen fliessend sind und je nach Thema und Recherche unterschiedlich verlaufen.

Was macht denn einen Datenjournalisten aus? Ist es die Excel-Kompetenz, die Statistik oder eine Nase für die Geschichte hinter der Tabelle?

Datenjournalismus ist nicht primär eine technische Angelegenheit. Gerade KI macht es uns viel einfacher, auch ohne vertiefte technische Kenntnisse mit Daten zu arbeiten. Im Zentrum steht für mich nach wie vor, eine Nase für Geschichten zu haben und zu wissen, wie man sie mit Zahlen und Daten erzählt und wie man an die dafür relevanten Daten kommt.

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Was bieten Sie am MAZ dazu?

Am MAZ ist es uns deshalb wichtig, nicht nur zu erklären, wie Tools funktionieren. Relevanter ist Datenkompetenz, zu der auch ein gesundes Misstrauen gegenüber Zahlen gehört. Nur weil etwas in einer Tabelle steht, ist es noch lange nicht aussagekräftig oder wahr. In unseren OSINT- und Recherchekursen zeigen wir, wie man selbst Daten beschafft und daraus relevante Erkenntnisse zieht. Wir versuchen also, methodische und journalistische Kompetenz zu verbinden.

Warum gibt es den CAS Datenjournalismus nicht mehr?

Das ist einfach zu beantworten: In der Form, wie wir ihn angeboten haben, wurde er von zu wenigen Studierenden nachgefragt. Die Inhalte daraus fliessen aber in andere Angebote ein, weil Datenkompetenz ein Querschnittsthema ist und heute bei vielen journalistischen Themen ganz selbstverständlich dazugehört.

Seit Corona sind Zahlen selbst zur Story geworden: Es gibt Dashboards zur Hitze, zum Energieverbrauch und zum Abstimmungsverhalten. Reduziert sich Journalismus bald auf das Zählbare?

Zahlen und Daten werden im Journalismus wichtiger, davon bin ich überzeugt. Aber Journalismus wird sich deshalb nicht auf das Zählbare reduzieren. Und darf es auch nicht. Daten können Entwicklungen sichtbar machen, Zusammenhänge aufzeigen und Geschichten überhaupt erst ans Licht bringen. Aber nicht alles, was gesellschaftlich relevant ist, lässt sich messen oder in einem Dashboard darstellen. Und umgekehrt ist nicht alles relevant, nur weil wir es messen können. Die journalistische Aufgabe verändert sich deshalb nicht: Einordnen, hinterfragen und entscheiden, was wirklich von Bedeutung ist, bleibt der Kern des Journalismus.

Datenrecherche war lange ein Handwerk mit hoher Einstiegshürde. Das hat die KI geändert. Oder?

Ja, definitiv. KI hat die Einstiegshürde deutlich gesenkt. Ich muss heute nicht mehr jede Excel-Funktion beherrschen oder programmieren können, um grössere Datenmengen auszuwerten. KI kann mir dabei sehr viel technische Arbeit abnehmen.

Aber warum braucht es dann noch eine Ausbildung dazu?

Gerade deshalb. Wer KI für Datenrecherchen einsetzt, muss verstehen, was das System mit den Daten macht, wo Fehler entstehen können und wie sich Ergebnisse überprüfen lassen. Die technische Kompetenz wird teilweise weniger wichtig, dafür werden Datenkompetenz, kritisches Denken und die Fähigkeit zur Verifikation wichtiger. KI kann mir helfen, eine Analyse durchzuführen. Die Verantwortung dafür, ob sie methodisch sauber ist und ob sich daraus tatsächlich eine Geschichte ableiten lässt, bleibt aber bei mir. Denn KI-Systeme sind keine zuverlässigen Assistenten: Sie machen Fehler, und diese muss ich erkennen können.

Reto Vogt ist Techjournalist und als CPO verantwortlich für das Ausbildungsprogramm am MAZ, Institut für Journalismus und Kommunikation,
in Luzern. maz.ch

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