Die «New York Times» zählt über 13 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, 3 Millionen davon ausserhalb der USA.

Mediennews

06.11.2026

Der Ausnahmefall «New York Times»

Die amerikanische Zeitung gewinnt immer mehr Abonnentinnen und Abonnenten, auch ausserhalb der USA. Können wir daraus lernen?

Von Albertine Bourget

An einem Juniwochenende in Bern hängt ein voll besetzter Saal an den Lippen von Hannah Dreier. Die Amerikanerin, die für ihr langes Porträt eines kalifornischen Feuerwehrmanns für den True Story Award nominiert wurde, verkörpert trotz ihres unprätentiösen Auftretens das Beste, was der Journalismus derzeit zu bieten hat. Sie kann sich rühmen, als Erste den Pulitzer-Preis in zwei Kategorien gewonnen zu haben: 2019 für einen Hintergrundartikel (Feature Writing) bei ProPublica und 2024 für eine Recherche (Investigative Reporting), die in der «New York Times» erschien, der sie 2022 beigetreten war.
In derselben Woche verkündete ihr Medium, die Marke von drei Millionen digitalen Abonnements ausserhalb der USA überschritten zu haben. Das bestätigt einen allgemeinen Trend: Im ersten Quartal zählte das Blatt über 13 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten – gegenüber 10 Millionen im Jahr 2022. Laut einer Pressemitteilung will die Times «das unverzichtbare Abonnement für neugierige Menschen weltweit» sein. Sie sei in den letzten Jahren kontinuierlich international gewachsen, weil Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt die amerikanische Politik und eine von Krieg, Migration, Klimawandel und neuen Technologien geprägte Welt verstehen wollten.

Donald Trump als Auslöser

Es gibt keine öffentlichen Zahlen zu den Abonnentinnen und Abonnenten nach Ländern. Aber wer im Bekanntenkreis fragt, findet sie rasch. Die Machtübernahme von Donald Trump war für Sandra, Journalistin in Zürich, ein Auslöser. «Angesichts des Krieges, den dieser Präsident gegen den Journalismus führt, wollte ich ein Zeichen der Unterstützung setzen.» Yves, der ein Finanzmedium in Lausanne leitet, hebt die Qualität der internationalen Berichterstattung hervor, «ob über Somalia oder die Ukraine». Für Finanzinformationen bevorzugt er das «Wall Street Journal» (4,5 Millionen Abonnenten).

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Seit 2011 und der Einführung einer Bezahlschranke ist es der altehrwürdigen «Grey Lady» gelungen, ihren angeblich unaufhaltsamen Niedergang umzukehren. Den Erfolg schreibt man vor allem der Strategie von Meredith Kopit Levien zu, der ehemaligen Umsatzchefin und heutigen Verlagsleiterin. Die gedruckte Zeitung wird noch von 560 000 Abonnentinnen und Abonnenten gelesen – eine Zahl, die stetig sinkt –, doch die NYT ist inzwischen vor allem eine Multiformatmarke. Rund hundert Newsletter ergänzen das Angebot. Der populärste, «The Morning», erreicht täglich 16 Millionen Menschen. «Ich habe mich gefragt, ob ich die internationale Version der App erhalte oder ob die Nachrichtenhierarchie für alle gleich ist, egal wo man sich befindet. War das Drama von Crans-Montana am 1. Januar für alle oben in der App oder nur für die Europäer? Keine Ahnung», sagt Sandra.

Eine «Lektion in Bescheidenheit»

Mit 33 Jahren ist Bastien, ein PR-Berater, der Jüngste unserer Gesprächspartner. Er verfolgt «regelmässig, was die NYT in Sachen Content-Aufbereitung macht. Die haben eine ganze Reihe immersiver Formate und setzen auf Crossmedialität. Das ist wirklich beeindruckend. Und für mich ist es wichtig zu sehen, was unsere Zukunft sein wird.» Catherine, Journalistin bei Tamedia in Lausanne, betont ebenfalls den Vorbildcharakter: «Man sieht, was funktioniert und warum.» Sie spricht von einer «Lektion in Bescheidenheit: Im Rahmen einer Weiterbildung an der Columbia University habe ich die Redaktion in New York besucht und war vom Anspruchsniveau beeindruckt. Eine Recherche erscheint erst, wenn sie intern nicht widerlegt werden konnte. Für mich ist das geradezu eine romantische Verkörperung von Journalismus und Demokratie.»

Ist es nicht problematisch, dass in einer krisengeschüttelten Medienlandschaft ein einziges Medium so viel Einfluss konzentriert? Sandra, die wie alle unsere Gesprächspartner auch andere Titel abonniert hat, hat sich diese Frage gestellt. «Aber», findet sie, «es ist auch wichtig, dass eine unabhängige Zeitung eine solche Schlagkraft hat. Für die Demokratie und für den Journalismus.» «Stimmt, die Times ist eine Insel. Aber intern ist die Botschaft, dass wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen sollen, sehr klar», erzählte Hannah Dreier im Juni. Anfang August kündigte die Zeitung an, ihren Videobereich auszubauen. Es ist eine Antwort auf den durch KI verursachten Rückgang der Webseitenbesuche. Und die Zeitung gab sich zuversichtlich, bis 2027 die 15-Millionen-Abonnenten-Marke zu erreichen.

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