Ein Lokalmedium, das nicht auf einen ständig laufenden News-Strom setzen kann, braucht eine kreative Redaktion – die manchmal sogar ihren Chefredaktor überrascht.
Von Bettina Büsser
Es gibt nicht einen kreativen Teil in meiner Arbeit. Ich meine, dass Kreativität in diesem Job generell wichtig ist», findet Mathias Fürst. Er ist seit 2022 Chefredaktor des «Urner Wochenblatts». Damit ist er verantwortlich für den redaktionellen Inhalt und die Redaktion, organisiert, leitet Sitzungen und versucht «den Kalender im Griff zu behalten». Daneben recherchiert Fürst und schreibt Artikel und Kommentare.
Das «Urner Wochenblatt» erscheint zweimal wöchentlich, gehört zum Urner Medien- und Druckereiunternehmen Gisler 1843, erreicht eine Print-Auflage von knapp 8500 Exemplaren und ist damit die grösste Zeitung im Kanton Uri. Einen überregionalen Teil gibt es beim «Wochenblatt» nicht, die Inhalte kommen alle aus dem Kanton. Dafür ist die achtköpfige Redaktion zuständig – ausser, wenn es um Vereine geht: «Die Berichterstattung über die Vereine geschieht zum grössten Teil durch diese selbst», so Fürst. Manchmal könne aber ein Bericht von einer Vereinsversammlung auch Auslöser eines Folgeartikels der Redaktion sein, «zum Beispiel, wenn der Skiklub beschliesst, statt zur Herbstwanderung an die Street Parade zu gehen».
Werbung
Kreativität, so Fürst, spiele im Journalismus vor allem beim Schreiben und bei der Themensuche eine wichtige Rolle. Beim Schreiben entscheide sie darüber, ob es ein Artikel werde, den man auch gerne lese: «Ein guter Einstieg in den Text ist im Lokaljournalismus genauso wichtig wie bei grösseren Publikationen.»
Mut, Kreativität zuzulassen
Bei der Themensuche müsse gerade eine Zeitung wie das «Urner Wochenblatt» kreativ sein: «Wenn man einen geografisch klar eingegrenzten Raum bearbeitet wie wir, kann man nicht auf einen ständig laufenden News-Strom setzen», so Fürst. Manchmal laufe viel und die Redaktion sei praktisch nur mit der Tagesaktualität beschäftigt. Läuft aber nichts, müsse man mit eigenen Themen bereit sein. «Dazu braucht es Leute in der Redaktion, die mit offenen Augen und Ohren durch den Kanton gehen und erkennen, woraus man einen spannenden Artikel machen könnte.» Manchmal brauche es dann beim Leiten der Redaktion etwas Mut, um die Kreativität der Redaktionsmitglieder zuzulassen: «Was sich in den Ohren des Chefredaktors in der Redaktionssitzung nach Quatsch anhört, hat sich schon oft als toller Artikel erwiesen.»
Als Lokalzeitung deckt das «Urner Wochenblatt» auch Veranstaltungen ab, die immer wiederkehren – etwa die Fasnacht. Braucht das nicht besonders viel Kreativität, um jedes Mal einen neuen Ansatz zu finden? «Ich finde es manchmal etwas bemühend, wenn man versucht, sich wiederholende Veranstaltungen kreativ aufzupeppen», so Fürst. Fasnachtsumzüge, Lehrabschlussfeiern oder das Rütlischiessen seien zwar jedes Jahr mehr oder weniger gleich, aber «unsere Leserinnen und Leser wollen Bilder sehen und wissen, wer teilgenommen und wer wie abgeschnitten hat». Wichtig sei, dass es in der Zeitung nicht nur diese Beiträge gebe – und sich die Redaktion überlege, welche Geschichten sie noch erzählen könne: «Zum Beispiel während der Fasnacht mit einer Polizeipatrouille unterwegs sein oder in einer Reportage erklären, wer am Rütlischiessen den Abwasch besorgt.» Um zu solchen Geschichten zu kommen, helfe es, wenn man sich öfters frage: Wie funktioniert das eigentlich? «Entscheidend ist sicher: Vom Bürotisch aus findet man die Geschichten nicht.»
Und die KI? Fördert oder hemmt sie die Kreativität im Journalismus, Herr Fürst?
Mathias Fürst: Die KI ist ein hervorragendes Instrument, um banale Tätigkeiten schneller zu erledigen. Insofern hat sie das Potenzial, die Kreativität im Journalismus zu fördern, weil sie uns die Zeit dazu schenkt. Nur tendiert der Mensch bekanntlich zur Faulheit und so kommt er in Versuchung, sich auch die Kreativität von der KI abnehmen zu lassen. Das halte ich für überhaupt keine gute Idee.



