Desinformation schadet – auch dem Journalismus. Denn die Medienkonsumenten werden auch Qualitätsangeboten gegenüber immer kritischer. Was können Medienschaffende dagegen tun?
Von Bettina Büsser
Kann ich das glauben? Ist es News oder Fake News, Information oder Desinformation?» Solche Fragen stellen sich Menschen bei digitalen Inhalten – und zögern. Dieser «Zöger-Reflex» steht für den Verlust von Vertrauen in digitale Inhalte, so Konrad Weber. Der Strategieberater und Coach im Bereich der digitalen Transformation stellt jeweils im Januar anhand von Jahresausblicken und Trend-Reports für die Medien- und Kommunikationsbranche die «Meta-Trends» für das kommende Jahr zusammen. Den «Zöger»-Reflex nennt er als ersten von acht «Meta-Trends» für das Jahr 2025.
Wie verbreitet ist dieser Reflex in der Schweiz? Weber kennt keine Studien, die diese Frage direkt beantworten. Ergebnisse von Studien* über Erfahrungen mit Fake News und den Umgang mit KI lassen ihn aber zum Schluss kommen, «dass zumindest eine überwiegende Mehrheit sehr kritisch, wenn nicht sogar zögerlich gegenüber digitalen Inhalten eingestellt ist».
Vertrauensverlust gegenüber Medien
Das ist für digitale journalistische Angebote eine schlechte Botschaft: «Der ‹Zöger-Reflex› bedeutet einen klaren Vertrauensverlust gegenüber angestammten Medienangeboten», so Weber. Dies zwinge Medienschaffende, Inhalte noch transparenter, faktenbasierter und besser überprüfbar umzusetzen: «Der Aufwand für die Wahrheitsprüfung steigt – in sonst bereits angespannten wirtschaftlichen Zeiten eine umso grössere Herausforderung für einzelne Journalistinnen und Journalisten.»
Gleichzeitig könnte die zunehmende Skepsis der Bevölkerung auch positiv wirken, da dadurch eine kritischere Haltung gegenüber digitalen Inhalten gefördert und Inhalte bewusster verifiziert würden: «Zu hoffen wäre, dass Medienhäuser diese Chance packen und durch klare Ethikstandards, Transparenz und Investitionen in die Qualität langfristig Vertrauen zurückgewinnen und sich so im Wettbewerb gegenüber KI-Inhalten abheben.»
Auch Mark Eisenegger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) der Universität Zürich und Direktor des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög), sieht beim Thema Desinformation Chancen für die Medien. Denn es werde immer eine gesellschaftliche Nachfrage nach verlässlicher Information geben, insbesondere in unsicheren Zeiten wie jetzt: «Je mehr die Tech-Plattformen, auch wegen KI, mit Desinformation in Verbindung gebracht werden, umso mehr ist das die Chance eines glaubwürdigen Journalismus.» Eisenegger ist einer der Autoren einer Studie** zur «Governance von Desinformation» in der Schweiz aus rechts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive.
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Darin wird eine ganze Reihe von Massnahmen zur Bekämpfung von Desinformation vorgeschlagen: eine Kennzeichnungspflicht für Werbung und für Social Bots etwa, Transparenz- und andere Vorgaben für Plattformen, ein Recht auf Forschungszugang zu Daten oder die Schaffung eines Digitalrates sowie einer Desinformations-Monitoring-Stelle. Zwei der Massnahmen betreffen direkt die journalistischen Medien, nämlich die Stärkung des Informationsjournalismus und die Gründung einer Schweizer Medienplattform.
Soziale Kontrolle in der Schweiz
Die «generelle Steigerung der Medien- und Digitalkompetenz» spielt laut der Studie eine «zentrale Rolle für die Erhöhung der Resilienz gegenüber Desinformation». Die Schweiz, so Eisenegger gegenüber «Edito», sei im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa den USA deutlich resilienter gegenüber Desinformation. Dies habe mit der gesellschaftlich relativ geringen Polarisierung zu tun, aber auch mit der Kleinräumigkeit, der föderalen Gliederung und der Mehrsprachigkeit: «In den kleinen Sozialräumen der Schweiz ist die soziale Kontrolle grösser.»
Wichtig ist laut Eisenegger, dass der Informationsjournalismus trotz allen Einbussen wie etwa der Medienkonzentration immer noch eine vergleichsweise gute Stellung hat: «Wer Desinformation verbreitet, hat hierzulande mit Reputationsverlusten zu rechnen, insbesondere auch, weil er oder sie mit kritischer Berichterstattung in den Newsmedien rechnen muss.» Anders als etwa in den USA ist also die Verbreitung von «Bullshit» in der Schweiz noch kein Kavaliersdelikt, sondern wird von Medien und Publikum ernst genommen.
Watchdog-Funktion wahrnehmen
Die Stellung des Qualitätsjournalismus, so Eisenegger, sei entscheidend für die gesellschaftliche Resilienz gegenüber Desinformation. Der Journalismus könnte und müsste im Netz noch mehr eine Watchdog-Funktion wahrnehmen und potenzielle Desinformationen «debunken», also entlarven: «Die SRG und auch private Medien machen schon einiges. Aber insbesondere die SRG könnte noch aktiver werden.»
Bei der Bekämpfung von Desinformation, das wisse man aus der Forschung, sei es entscheidend, früh zu reagieren und ein Debunking zu betreiben, bevor die Fehlinformation breit diffundiere. «Das ist natürlich oft schwierig, weil Desinformation aufgrund ihres Charakters – häufig spektakulär, irritierend, von grossem Nachrichtenwert – sich schnell verbreitet. Dennoch müsste sich der Journalismus mehr dieser Aufgabe verschreiben.»
Eisenegger sieht aber ein noch grösseres Problem als die Desinformation: die News-Deprivation. «Dass die Menschen hierzulande mit Desinformation in Berührung kommen, ist weniger ein Problem, als dass immer weniger mit journalistischen Informationen in Kontakt kommen. Hier müssen wir als Gesellschaft ansetzen. Mit Massnahmen zur Medienkompetenz und zur Förderung des Politikinteresses.»
* fög-Jahrbuch «Qualität der Medien» 2024 sowie Bundesamt für Statistik: Internetnutzung in den Haushalten im Jahr 2023
** Thouvenin, F.; Eisenegger, M.; Volz, S.; Vogler, D.; Jaffé, M., (2023). Governance von Desinformation in digitalisierten Öffentlichkeiten. Bericht für das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM)
«… noch nicht vernehmlassungsfähig»
Plattformen wie Facebook, X, TikTok und Instagram spielen in der öffentlichen Diskussion eine immer grössere Rolle. Gleichzeitig legen sie selber die Richtlinien fest, nach denen sie Inhalte moderieren. Die EU reguliert neu die Onlineplattformen mittels Digital Services Act (DSA) und Digital Markets Act (DMA).
Auch die Schweiz will regulieren. Er wolle, so der Bundesrat im April 2023, die Rechte der Nutzer in der Schweiz stärken und von den Plattformen mehr Transparenz verlangen, «ohne die positiven Effekte der Plattformen auf die Meinungsäusserungsfreiheit einzuschränken». Dazu brauche es neue Bestimmungen, die sich, «wo sinnvoll, an den Regeln des DSA der EU orientieren». Das UVEK wurde beauftragt, bis Ende März 2024 eine Vernehmlassungsvorlage auszuarbeiten. Dann wurde der Termin auf Herbst 2024 verschoben, dann auf Anfang 2025. Bei «Edito»-Redaktionsschluss war noch immer alles unklar: «Der Text ist noch nicht vernehmlassungsfähig», teilte das BAKOM mit.



