Im Libanon unterscheidet sich die Berichterstattung über die Proteste im Iran und deren Unterdrückung je nach Medium deutlich. Dies offenbart die starke Polarisierung der Medienlandschaft und das Gewicht politischer Allianzen.
Von Sophie Woeldgen
Am 9. Januar veröffentlichte der panarabische Sender Al-Mayadeen mit Sitz in Beirut einen Tweet: «Die Kriege gegen den Iran werden so lange andauern, wie das Land die Rechte des palästinensischen Volkes verteidigt.» Die redaktionelle Linie des Senders deckt sich oft mit den Positionen des Iran und der Hisbollah. In den zwei Nächten zuvor hatten riesige Demonstrationen für einen kurzen Augenblick den Eindruck erweckt, das Mullah-Regime wanke. Doch man hatte die Rechnung ohne die blutige Repression gemacht, die darauf folgte.
Der Urheber des Zitats ist Amir Mousavi, Direktor eines iranischen Analysezentrums, das offiziellen Kreisen nahesteht. Er wird im Studio interviewt. Während seines gesamten Fernsehauftritts, als die meisten Telekommunikationsverbindungen im Land bereits gekappt sind, erklärt er, die Islamische Republik Iran sei «die einzige Macht, die Amerika die Stirn bietet». Dann zählt er «die Opfer» auf, die ihre Führung und Bevölkerung seit 1981 erbringen. In seiner Rede sagt Amir Mousavi voraus: «Die Krisen werden nicht enden, solange die Islamische Republik dem zionistischen Gebilde und den amerikanischen Plänen in der Region entgegentritt.»
Brutale Repression
Indem sie die Unruhen einer israelischen oder westlichen Orchestrierung zuschreibt, illustriert diese Wortmeldung die redaktionelle Linie von Al-Mayadeen. «Die Medien, die auf der Achse des Iran liegen, wie Al-Mayadeen oder Al-Manar, haben das Framing aus Teheran weitgehend übernommen», betont Diana Moukalled, Mitbegründerin des unabhängigen libanesischen Mediums Daraj.
Sie hebt mehrere Merkmale hervor: Verharmlosung des Ausmasses der Proteste, Hervorhebung offizieller Narrative, Bezeichnung getöteter Sicherheitskräfte als «Märtyrer», Seltenheit von Zeugenaussagen Oppositioneller und fast völliges Fehlen einer Berichterstattung über die brutale Repression des Regimes.
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Doch diese Achse repräsentiert nur einen Teil der libanesischen Medienberichterstattung über die iranischen Proteste; diese sei «stark entlang politisch-ideologischer Linien polarisiert», so Diana Moukalled.
Infos aus Israel
Umgekehrt haben Medien, die der Hisbollah und damit dem iranischen Regime oppositionell gegenüberstehen, die reale Unterdrückung und die Menschenrechtsverletzungen beleuchtet. Allerdings hätten «einige zu Oppositionsfiguren im Exil tendiert, insbesondere zu monarchistischen Stimmen wie Reza Pahlavi», bemerkt die libanesische Journalistin. Andere zögern nicht, den Gegenpol zur iranischen Achse einzunehmen, indem sie auf Informationen israelischer Medien zurückgreifen.
Dies ist der Fall bei MTV, einem der meistgesehenen Sender im Libanon. Dessen redaktionelle Linie deckt sich oft mit den Positionen der Partei Forces Libanaises und im weiteren Sinne des Anti-Hisbollah-Lagers. Dieser hat mehrfach Informationen eines der wichtigsten israelischen Nachrichtensender, Channel 12, übernommen.
Diese Divergenz ist strukturell mit den Eigentumsverhältnissen, Finanzierungsnetzwerken und politischen Ausrichtungen verknüpft: «Die libanesischen Medieninstitutionen sind historisch in die Finanzierung von Medien eingebunden, die mit Parteien, regionalen Schirmherren oder sogar dem Ausland verbunden sind, was ihre redaktionellen Linien prägt», unterstreicht Diana Moukalled.
Eine neue internationale Karte
Doch unabhängig von ihrer Ausrichtung thematisieren libanesische Medien häufig die Aktualität im Iran, da das Schicksal der Islamischen Republik als direkt verknüpft mit der Macht der Hisbollah sowie den regionalen Abschreckungsgleichgewichten und damit dem internen Gleichgewicht des Libanon wahrgenommen wird.
«Die Stabilität des Iran wird daher nicht als ferne Nachricht, sondern als innenpolitisches Thema behandelt», analysiert Diana Moukalled.
Die Tatsache, dass Al-Jadeed, ein libanesischer Fernsehsender, der für seine kritische Haltung gegenüber der gesamten politischen Klasse bekannt ist, über die Versammlungen zum 43. Jahrestag der Islamischen Republik berichtete, ohne sie in die brisante Aktualität des Moments einzuordnen, illustriert die regionalen politischen Verflechtungen sowie die Normalisierung bestimmter Betrachtungswinkel.
Und diese Nähe ist nicht nur in der Mediensphäre sichtbar. Die libanesische Politik ist ständig mit regionalen Fragen verknüpft, manchmal so sehr, dass ihre Verantwortlichen davon entlastet werden. «Wir stehen vor einer neuen internationalen Landkarte und es besteht kein Zweifel, dass der Iran an der Reihe sein wird und damit die Tragödie des Libanon ein Ende findet», erklärte der Abgeordnete Bilal al-Hachemi Mitte Januar auf MTV.
Sophie Woeldgen hat diesen Text vor dem Angriff der USA und Israel geschrieben.
Sophie Woeldgen ist freie Journalistin mit Sitz in Beirut. Sie arbeitet hauptsächlich für die Tageszeitung «Le Temps». Sie absolvierte ihre Ausbildung an der Académie de journalisme et des médias in Neuenburg.



