Die «New York Times» hat im Laufe ihrer Geschichte wiederholt schwere journalistische Fehler gemacht – und diese mit unterschiedlichem Aufwand korrigiert. Das beschreibt Adam Nagourney, Reporter der Zeitung seit 1996, zum 175-jährigen Jubiläum. Die Aufarbeitung eigener Fehler entwickelte sich über Jahrzehnte vom kurzen Berichtigungssatz zur mehrseitigen Selbstkritik. Dieser Prozess sei aber bis heute nicht perfekt.
Den Wandel im Umgang mit Fehlern leitete Chefredaktor Abe Rosenthal in den frühen 1980er Jahren ein. Er schuf die «editors’ note», wie er schrieb, um «Artikel, die das, was die Redaktion als erhebliche Mängel in Bezug auf Fairness, Ausgewogenheit oder Perspektive ansieht, näher beleuchten oder korrigieren sollen». 1987 erschien auf der Titelseite eine Korrektur von über 1200 Wörtern: Sie räumte Fehler in der Berichterstattung über Oberstleutnant Oliver L. Norths Aussagen in der Iran-Contra-Affäre ein.
Drei Fälle stehen exemplarisch für das Versagen der Redaktion in der jüngeren Geschichte. Im Jahr 2000 räumte die Zeitung ein, bei der Berichterstattung über den Wissenschaftler Wen Ho Lee, der als chinesischer Spion porträtiert worden war, den Ton der Behörden unkritisch übernommen zu haben. 2003 erschütterte der Fall Jayson Blair die Redaktion: Der junge Reporter hatte Artikel gefälscht und plagiiert, während er vorgab, auf Reisen zu recherchieren. Der damalige Chefredaktor Howell Raines bezeichnete das als «schwere Verletzung journalistischer Standards». Er und sein Managing Editor Gerald Boyd verliessen die Zeitung kurz darauf. 2004 gestand die Zeitung, in der Vorberichterstattung zum Irakkrieg Behauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen zu wenig kritisch hinterfragt zu haben.
Strukturelle Reformen folgen den Krisen
Die grossen Skandale zogen auch institutionelle Konsequenzen nach sich. 2003 schuf die Zeitung die Position des Standards-Editors sowie des Public Editors. Letztere wurde 2017 wieder abgeschafft. 2020 entstand ein siebenköpfiges Team unter dem Standards-Editor, das seither für alle redaktionellen Standards- und Ethikfragen zuständig ist. Zusätzlich wurde ein sogenanntes Trust-Team eingerichtet: Es soll Entscheidungen der Redaktion gegenüber den Leserinnen und Lesern erklären und Beschwerden bearbeiten.
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Nicht jede Korrektur hatte weltpolitisches Gewicht. Die Zeitung korrigierte einmal die Schreibweise des des Familiennamens der Eigentümer: «It is Ochs-Sulzberger, not Ochs-Sulzburger.» Und im März 1995 feierte sie fälschlicherweise ihre 50’000. Ausgabe: Die Zählung stimmte nicht, das Jubiläum kam erst ein Jahr später. Zwei Versäumnisse blieben laut Nagourney weitgehend unkorrigiert: die Marginalisierung der Holocaust-Berichterstattung und die verharmlosende Berichterstattung des Moskau-Korrespondenten Walter Duranty über die stalinistische Hungersnot in der Ukraine in den 1930er Jahren.
Anlass des Artikels ist das 175-jährige Bestehen der «New York Times». Nagourney hat kürzlich ein Buch über die Geschichte der Zeitung verfasst. Sein Fazit: Der Anspruch, eigene Fehler zu korrigieren, treibe die Redaktion weiterhin an. Doch Wille zur Selbstkritik und tatsächliche Umsetzung klaffen mitunter weit auseinander.
Quelle: The New York Times – Adam Nagourney: «The New York Times Has Tried to Correct Errors for Most of Its History. It Has Not Always Succeeded.»




