Die künftige Kernaufgabe des Journalismus liegt deshalb weniger in der Produktion neuer Inhalte als in der Kontextualisierung des bereits Vorhandenen. Bild: Edito/mz (Claude/ChatGPT)

Forschung  Studien

21.05.2026

Eidgenössische Medienkommission kartiert das digitale Informationsökosystem

Das Publikum hat heute weniger ein Informationsdefizit als ein Orientierungsdefizit. Die künftige Kernaufgabe des Journalismus liegt deshalb weniger in der Produktion neuer Inhalte als in der Kontextualisierung des bereits Vorhandenen. Das ist eine der zentralen Schlussfolgerungen einer neuen Auslegeordnung der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK). Das Dokument kartiert alle relevanten Akteure im heutigen Informationsökosystem und benennt vier Kriterien, mit deren Hilfe sich journalistische von nicht-journalistischen Angeboten unterscheiden lassen. Es richtet sich an Medienpolitik, Branche und Öffentlichkeit gleichermassen.

Die Eidgenössische Medienkommission unterscheidet im digitalen Informationsraum vierzehn Akteursgruppen: von freien Journalistinnen und Journalisten über Redaktionen, Medienunternehmen, NGOs, Content-Creators und Influencer bis hin zu Behörden, Verbänden, Forschungseinrichtungen, Wissensplattformen und Desinformationsakteuren. Die Studie beschreibt jede Gruppe entlang von elf Dimensionen: Produktion, Distribution, Rolle und Zielsetzung, Werte, Standesregeln, Qualitätssicherung, Zielgruppen, Auftraggebende, Finanzierungstransparenz sowie akteursspezifische Herausforderungen. Die daraus resultierende Übersichtstabelle ist der Kern der Studie.

Als entscheidend für die Beurteilung von Informationsangeboten benennt die EMEK vier Kriterien:

  1. die Frage, ob Inhalte im öffentlichen oder im partikulären Interesse produziert werden;
  2. ob journalistische Standards und Verifikationsprozesse vorhanden sind;
  3. ob eine Governance mit Rechenschaftspflichten existiert;
  4. ob Finanzierung, Motive und Produktionsprozesse offengelegt werden.

Wenn diese vier Bedingungen erfüllt sind, gilt Information laut EMEK als integer und vertrauenswürdig.

Journalismus strukturell unter Druck

Die Kommission beschreibt eine fortschreitende Hybridisierung des Informationsangebots: Die Grenzen zwischen journalistischen und nicht-journalistischen Inhalten werden zunehmend fliessend. NGOs, Unternehmen und Content-Creators übernehmen teils journalistische Funktionen, während umgekehrt viele Medienhäuser eigene Newsrooms für PR-Zwecke betreiben. Auf digitalen Plattformen konkurrieren alle Akteure auf derselben Ebene um Aufmerksamkeit, wobei nicht-journalistische Inhalte algorithmisch oft bevorzugt ausgespielt werden. Ressourcenstarke Akteure können Sichtbarkeit kaufen, kleinere und unabhängige Anbieter haben deutlich geringere Mittel. Sichtbarkeit, so die EMEK, hänge damit weniger von der gesellschaftlichen Relevanz einer Information ab als von ihrer Aufmerksamkeitswirksamkeit.

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Trotz dieser strukturellen Nachteile gewinne der Journalismus eine neue Schlüsselfunktion als «Filter, Übersetzer und Wegweiser» in einer überfüllten Informationsumgebung. Diese Funktion setzt laut EMEK politische Rahmenbedingungen voraus, die professionelle Standards stärken, Medienvielfalt sichern und Innovation im journalistischen Bereich fördern.

Derzeit diskutiert die Schweizer Medienbranche über die Zukunft der Medienförderung, die Rolle öffentlich-rechtlicher Anbieter und den Umgang mit Plattformmacht. Die Auslegeordnung der EMEK soll eine gemeinsame Begriffsbasis für diese Debatten schaffen, ohne selbst direkte Empfehlungen auszusprechen.


Quelle

Eidgenössische Medienkommission EMEK (Martina Leonarz / BAKOM): «Der Journalismus im digitalen Informationsökosystem. Auslegeordnung von Informationsangeboten anhand von Akteuren, Aufgaben und Zielen». EMEK, 20. Mai 2026.

Medienseite: emek.admin.ch/de/journalismus

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