Tom Vaillant, Gründer des Technologiestudios Buried Signals

Handwerk  Medienpraxis

Datenjournalismus | 18.10.2026

Erst die Daten, dann die Geschichte

Manchmal stecken die Daten für eine Recherche in einer fehlerhaften Website fest, sind in Dokumenten vergraben oder auf Social Media verstreut. KI hilft heute immer mehr Journalistinnen und Journalisten dabei, diese Informationen aufzuspüren und nutzbar zu machen.

Von Tom Vaillant

Die wenigsten Recherchen beginnen mit einer sauber aufbereiteten Excel-Tabelle. Die Daten verbergen sich oft in einer komplizierten öffentlichen API, auf einer anfälligen Behörden-Website, in Hunderten von Reddit-Posts, einem dubiosen Forum oder in einem Mix aus Bildern und Videos in den sozialen Medien.

Diese Informationen zu beschaffen und zu bereinigen, war früher mühsam und zeitraubend. Heute kann ein KI-Agent mit den passenden Werkzeugen sich eigenständig durch das Web bewegen, Dateien herunterladen und Code ausführen. So entsteht ein erster Entwurf. Oft braucht es dafür nur einen einzigen Prompt. Wir können Daten nun gezielt nach unseren Fragestellungen aufbereiten, anstatt darauf zu warten, dass jemand anderes den perfekten Datensatz veröffentlicht.

Software auf Abruf

Manche Recherchen verlangen nach einem schnellen Scraper für eine unübersichtliche Website, andere nach einem einfachen Tool, um Dokumente zu sortieren, Datensätze abzugleichen oder eine Seite täglich zu überwachen. Bisher waren solche Aufgaben meist zu spezifisch oder kurzlebig, um dafür eigens Software zu entwickeln.

Heute reicht es, wenn Redaktorinnen und Redaktoren die Anforderung beschreiben, und der Agent baut die passende Lösung. Er kann beispielsweise sämtliche Bauentscheide auf einer Gemeinde-Website auslesen, Adresse, Bauherrschaft sowie Ergebnis extrahieren und den Quelllink in der Tabelle ablegen. Tools wie Firecrawl meistern schwierige Webseiten, während Apify Beiträge von Plattformen wie Reddit sammelt. So entstehen flexible Bausteine für eine massgeschneiderte Recherche-Software.

Solche Programme werden nicht für die Ewigkeit gebaut. Man entwickelt sie für eine spezifische Recherche und verwirft sie danach wieder. Erweist sich eine Anwendung als nützlich, lässt sie sich wiederverwenden, im Team teilen oder dauerhaft betreiben, um neue Daten automatisch zu erfassen. Redaktionen müssen ihre Rechercheprobleme damit nicht mehr in starre Standardsoftware zwängen.

Eigene Datendienste für den Newsroom

Gerade regionale Redaktionen können lokale Daten erfassen, die sonst niemand erhebt – etwa ein Wohnungs-Dashboard, das Mieten, Baubewilligungen, Leerstände und lokale Löhne monatlich aktualisiert. Statt sich auf nationale Indizes zu stützen, zeigt das Medium auf, was sich in der eigenen Stadt verändert. Das Publikum erhält einen praktischen Service, und die Redaktion verfügt über das nötige Hintergrundwissen, wenn das Thema Wohnen Schlagzeilen macht.

Der Ansatz funktioniert genauso für Gemeindefinanzen, Wahlversprechen, Schulschliessungen oder die Luftqualität. Das Ergebnis kann ein öffentliches Dashboard sein, ein interner Alarm oder ein Datensatz, der mit jedem Update an Wert gewinnt. Scoutpost, ein von mir entwickeltes Monitoring-Tool, nutzt dieses Prinzip: Es überwacht ausgewählte Quellen und benachrichtigt Journalisten bei Veränderungen.

Daten sind mehr als Zahlenkolonnen. Oft gilt es, Tausende Kommentare zu einer Abstimmung oder eine Flut suspekter Produktbewertungen zu analysieren. Hier helfen sogenannte Embeddings – numerische Fingerabdrücke, die die Bedeutung eines Textes erfassen. Eine Ähnlichkeitssuche gruppiert Aussagen mit demselben Inhalt – auch wenn sie unterschiedlich formuliert sind.

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Das deckt wiederkehrende Argumente, Troll-Netzwerke oder die Verbreitung von Desinformation über verschiedene Plattformen hinweg auf. Ähnlichkeit ist kein Beweis für Koordinierung, schränkt die manuell zu prüfenden Beiträge aber drastisch ein. Jeder Treffer sollte dabei stets direkt auf den ursprünglichen Kommentar, Account oder das Bild verlinken.

Die Erkenntnis braucht die passende Form

Sind die Belege aufbereitet, helfen Agenten bei der Erstellung von Grafiken, interaktiven Karten, Scrollytelling-Formaten oder animierten Videos. Das MapTiler SDK eignet sich für kartenbasierte Geschichten, während Remotion Animationen per Code erzeugt.

Weil das Erstellen solcher Formate immer einfacher wird, können Redaktorinnen und Redaktoren verschiedene Varianten ausprobieren. Die Entscheidung, welche Botschaft beim Publikum hängen bleiben soll, liegt weiterhin bei den Journalisten. Manchmal ist eine schlichte Grafik wirkungsvoller als ein aufwendiges interaktives Element.

Die Tools werden sich weiter verändern. Die eigentliche Chance liegt darin, eigene Daten zu erheben, kleine Werkzeuge für die tägliche Recherche zu bauen und dem Publikum Angebote mit dauerhaftem Mehrwert zu bieten.

Edito Academy

Webinar-Serie zum Datenjournalismus: In zwei Webinaren führt Tom Vaillant im Rahmen der Edito Academy in die Grundlagen des Datenjournalismus ein. In der ersten Folge geht es um das Sammeln und Analysieren der Daten, in der zweiten Folge um die passende Darstellungsform. 

Datenjournalismus mit KI Vol 2: Mach die Daten sichtbar

Datum: Dienstag, 20. Oktober 2026, 17:30 Uhr via Zoom

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