In Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und in den USA haben satirische Magazine Hochkonjunktur, und das vor allem auf Papier.
Seit dem Terroranschlag 2015 ist «Charlie Hebdo» weltweit das Symbol für uneingeschränkte Meinungsfreiheit und radikale, antireligiöse Satire. Islamistische Attentäter erschossen zehn Mitarbeiter der Redaktion, darunter Herausgeber und Zeichner Stéphane Charbonnier («Charb»).
Nach dem Anschlag solidarisierten sich auf der ganzen Welt Menschen unter dem Slogan «Je suis Charlie» mit dem Magazin. Das Magazin wurde zu einer Ikone des gezeichneten Protests. Heute erreicht das gedruckte Heft wöchentlich rund 60’000 Leserinnen und Leser. Herausgeber ist Laurent Sourisseau («Riss»), der den Anschlag verletzt überlebte.
Mit «Le Canard enchaîné» verfügt Frankreich über ein weiteres wichtiges Blatt für Satire. Die «angekettete Ente» wurde 1915 gegründet und ist heute das mit Abstand auflagenstärkste Satire- und Enthüllungsblatt Frankreichs. Es kombiniert investigativen Journalismus ohne Tabus mit prägnanten politischen Karikaturen. So deckte der «Canard» zum Beispiel die Hintergründe der Versenkung des Greenpeace-Schiffs «Rainbow Warrior» auf. «Le Canard enchaîné» verkauft keine Werbung und war bis 2024 ausschliesslich als gedruckte Zeitung erhältlich. Weil die Auflage gesunken ist (heute beträgt sie rund 242’000 Exemplare), hat der «Canard» seit 2024 eine vollwertige Website.
Die wichtigste Adresse für beissende Satire in Deutschland ist zweifellos «Titanic»: 1979 gegründet, ist es bis heute das einflussreichste und radikalste deutsche Satiremagazin. Es ist bekannt für provokante Cover, die regelmässig einstweilige Verfügungen und politische Skandale auslösen. Ab 1979 wurde «Titanic» zum «Sprachrohr» der «Neuen Frankfurter Schule», einer Gruppe von Schriftstellern und Zeichnern wie Robert Gernhardt, F.W. Bernstein, F.K. Waechter, Eckhard Henscheid und Chlodwig Poth. Sie prägten das Magazin intellektuell und künstlerisch.
Schärfste Konkurrenz von «Titanic» in Deutschland ist das Satiremagazin «Eulenspiegel», das einzige Satiremagazin der DDR, das die Wende überlebt hat. Heute steht es für klassische politische Karikatur und humorvolle Gesellschaftskritik in immer neuen Formen.
Die Institution in Grossbritannien für politische Satire und Investigativjournalismus ist «Private Eye»: Es ist mit einer verkauften Auflage von über 225’000 Exemplaren das mit Abstand meistverkaufte Politik- und Nachrichtenmagazin im Vereinigten Königreich, noch vor dem «Spectator» oder dem «Economist». Das Heft erscheint alle zwei Wochen im klassischen Magazinformat und wird bewusst auf billigem, dünnem Zeitungspapier gedruckt. Das Markenzeichen von «Private Eye» ist das Titelbild mit einem aktuellen Pressefoto, das mit einer Sprechblase versehen wird. Diese Sprechblasen parodieren das Geschehen in meist nur einem einzigen, oft zynischen Satz. Obwohl die britische Presselandschaft traditionell stark polarisiert ist, bleibt «Private Eye» politisch unabhängig und attackiert die Verfehlungen aller Parteien gleichermassen.
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Karikaturen spielen in vielen britischen Zeitungen eine grosse Rolle. Bestes Beispiel dafür ist «The Spectator». Das älteste kontinuierlich erscheinende politische Magazin der Welt (gegründet 1828) ist stramm konservativ und bekannt für hochkarätige politische Essays. Dennoch spielen Karikaturen und Cartoons eine wichtige Rolle: Der «Spectator» nutzt Zeichnungen als eigenständige, scharfzüngige Kommentare. Das Titelbild ist fast immer eine farbige, oft kunstvolle Karikatur. Über das gesamte Heft verstreut finden sich kleine Panels. Im Kulturteil findet sich zudem eine ganzseitige Kultur-Karikatur. Chefredaktor des «Spectator» ist der ehemalige Tory-Politiker Michael Gove. Er beweist, dass Satire auch aus konservativer Perspektive funktioniert.
Die unangefochten wichtigste Zeitschrift für Cartoons ist «The New Yorker». Das Wochenmagazin ist ebenso bekannt für seine Reportagen, Essays und Features wie für seine Zeichnungen. Das beginnt schon mit dem Titelblatt: Auf dem Cover des «New Yorker» findet sich kein einziges Wort Text, nur eine Zeichnung. Manchmal sind das emotionale Momentaufnahmen wie das Cover nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von Art Spiegelman und Françoise Mouly, manchmal satirische Zeichnungen von Politikern. Es ist immer eine kunstvolle Reflexion über das Leben in New York oder das aktuelle Weltgeschehen. Im Innenteil des Magazins finden sich über das Heft verstreut Cartoons. Diese Zeichnungen gehören zum Besten, was es zu sehen gibt. Ein Beispiel: 1993 veröffentlichte der «New Yorker» eine Zeichnung von Peter Steiner. Zwei Hunde sitzen vor einem Computer, und der eine sagt zum anderen: «On the Internet, nobody knows you’re a dog.» Diese Zeichnung ist der meistlizenzierte und reproduzierte Cartoon der Mediengeschichte. Heute hat der «New Yorker» eine Gesamtauflage von rund 1,2 Millionen Exemplaren pro Ausgabe.
Seit 1998 wird das Magazin von David Remnick geleitet. Für Zeichner ist die Aufnahme in den «New Yorker» die höchste Auszeichnung. Unter ihnen finden sich auch Schweizer. So hat der Basler Illustrator, Karikaturist und Bildhauer Paul Degen (1941–2007) insgesamt 34 Titelbilder für das Magazin gezeichnet. In seine Fussstapfen tritt der Basler Till Lauer sowie Lina Müller und Luca Schenardi aus der Innerschweiz.
Satirische Magazine weltweit
Charlie Hebdo: charliehebdo.fr
Le Canard enchaîné: lecanardenchaine.fr
Titanic: titanic-magazin.de
Eulenspiegel: eulenspiegel-zeitschrift.de
Private Eye: private-eye.co.uk
The Spectator: spectator.co.uk
The New Yorker: newyorker.com



