Schweizer Datenjournalismus in drei Schüben: die internationalen Leaks, die Pandemie und jetzt die künstliche Intelligenz.

Mediennews

Zwölf Jahre Datenjournalismus | 09.10.2026

Mehr Klicks, mehr Glaubwürdigkeit

Datenjournalismus ist in der Schweiz offenbar eine Erfolgsgeschichte: Die Investitionen der grossen Schweizer Medienhäuser in Menschen und Ressourcen scheinen sich zu lohnen. Sie verzeichnen mehr Zugriffe, eine höhere Verweildauer und mehr Abo-Neuabschlüsse.

Edito hat sich bei den Verlagen erkundigt, wie sie zum Datenjournalismus stehen und wie viele Menschen auf den Redaktionen sich damit beschäftigen. Das Datenjournalismus-Team der NZZ umfasst 4,9 Vollzeitstellen, verteilt auf vier Personen in der Schweiz und eine Person in Deutschland. Zwei Datenjournalisten arbeiten dabei eng mit den Ressorts Ausland und Wirtschaft zusammen und haben ihren Arbeitsplatz direkt im jeweiligen Ressort.

SRF hat ein Team mit drei Datenjournalisten. Die Bedeutung datenjournalistischer Kompetenzen habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Deshalb werde der Datenjournalismus im Bereich Recherche bei SRF auch künftig eine wichtige Rolle spielen, erklärt Roger Muntwyler. CH Media unterhält zwei Datenredaktionen: Bei «watson» teilen sich im Ressort Data Driven Journalism vier Personen 2,9 Vollzeitstellen. Das Ressort sei 2016 mit einer Stelle eingeführt und seither kontinuierlich ausgebaut worden, lässt Lino Bugmann ausrichten.

Das Datenjournalismus-Team, das für «Schweiz heute» und die regionalen Tageszeitungen und Newsportale von CH Media arbeitet, umfasst 2,5 Stellen, die sich drei Personen teilen. «Dazu kommen mehrere Personen in den Zentral- und Regionalredaktionen, die sporadisch ebenfalls Daten-Recherchen durchführen», sagt Lino Bugmann. Tamedia möchte keine Angaben zu Stellen in einzelnen Teams machen und die «Republik» beschäftigt keine spezifisch als «Datenjournalist:innen» bezeichneten Personen. «Datenarbeit ist bei uns in die redaktionelle Arbeit insgesamt eingebettet», sagt Bettina Hamilton-Irvine, Co-Chefredaktorin der «Republik».


Nur jede vierte Redaktion hat ein Datenteam

Datenteams sind in Europa die Ausnahme. Und wo es solche gibt, sind sie klein.

Redaktionen mit dezidiertem Datenteam

European Journalism Centre, «State of Data Journalism Survey 2023», Kapitel «AI and OSINT». Internationale Umfrage, 768 ausgewertete Antworten.


Ressort- und markenübergreifend

Die anderen Redaktionen unterhalten ein eigenes Team für Datenjournalismus. Tamedia hat das Team beim «Tages-Anzeiger» angesiedelt: Laut Edi Estermann arbeitet es «markenübergreifend für die Deutschschweizer und Westschweizer Redaktionen». Auch SRF hat das so gelöst: Radio und Fernsehen verfügen mit SRF Data seit 2015 über ein eigenständiges Datenteam, das mit vielen anderen SRF-Redaktionen und -Teams zusammenarbeitet, darunter zum Beispiel «SRF Investigativ».

Bei CH Media sind die Datenjournalisten zwar als eigenständiges Team organisiert, arbeiten jedoch dezentral in den regionalen Redaktionen in der Zentralschweiz, Nordwestschweiz und Ostschweiz. Die NZZ hat das Datenjournalismus-Team innerhalb des Visuals-Ressorts angesiedelt. «Die Datenjournalistinnen und -journalisten arbeiten interdisziplinär mit anderen Teams des Ressorts zusammen: Sie analysieren Daten, entwickeln gemeinsam mit dem Grafik-Team datengestützte Visualisierungen, recherchieren mit dem OSINT-Team oder programmieren in Zusammenarbeit mit dem EdTech-Team interaktive Anwendungen», sagt Julia Ochsner.


Wer den Datenjournalismus macht

Keine Männersache: Fast die Hälfte sind Frauen.

Wer den Datenjournalismus macht
Keine Männersache: Fast die Hälfte sind Frauen.

Quelle: European Journalism Centre, «State of Data Journalism Survey 2023». Internationale Umfrage, 768 ausgewertete Antworten.


Grösste Hürde: Datenzugang

Als grösste Hürde für Datenjournalismus in der Schweiz bezeichnet Edi Estermann den «Zugang zu qualitativ guten, maschinenlesbaren Daten bei Behörden und Ämtern». Das bleibe «die grösste Knacknuss». Zudem werde der Persönlichkeits- und Datenschutz in der Schweiz auch bei nicht sensiblen Themen streng ausgelegt. Das mache es «im Vergleich zum Ausland oft schwierig, an detaillierte Daten zu kommen.»

Die NZZ sieht eine grosse Herausforderung in den unterschiedlichen Geschwindigkeiten: «Die NZZ ist ein tagesaktuelles Medium, fundierte Datenanalysen benötigen hingegen häufig mehr Zeit», sagt Julia Ochsner. Das brauche «gute Planung und enge Abstimmung innerhalb der Redaktion». Der Zugang zu Behördendaten habe sich in den letzten Jahren zwar verbessert, die Strategie «Open Data by Default» des Bundes wird aber nicht von allen Behörden gleich konsequent umgesetzt. «Für Datenanalysen ist neben den Daten selbst der direkte Austausch mit Fachpersonen einer Behörde wichtig, um die Qualität oder Aussagekraft eines Datensatzes einordnen zu können», sagt Julia Ochsner von der NZZ. «Dieser Zugang ist in der Praxis nicht immer gewährleistet.»


Die grösste Hürde ist nicht die Technik

Datenjournalismus scheitert seltener an der Auswertung als daran, überhaupt an die Daten zu kommen.

Die grösste Hürde ist nicht die Technik
Datenjournalismus scheitert seltener an der Auswertung als daran, überhaupt an die Daten zu kommen.

Quelle: European Journalism Centre, «State of Data Journalism Survey 2023». Internationale Umfrage, 768 ausgewertete Antworten.


Daten brauchen viel Ressourcen

SRF Data sieht im Umfang der Datensätze eine grosse Herausforderung. «Diese werden immer grösser und bewegen sich heute oft im Bereich von mehreren Terabytes.» Um mit so grossen Datenmengen «flüssig und sicher» arbeiten zu können, benötige SRF Data eine passende Infrastruktur und entsprechende Kompetenzen. «Trotz neuer und leistungsstarker Tools bleibt guter Datenjournalismus ressourcenaufwändig und erfordert spezielle Skills.» Auch CH Media sieht in den Ressourcen einen Engpass: Das Datenjournalismus-Team müsse deshalb immer abwägen, wo es seine Ressourcen für die 18 regionalen Tageszeitungen und das nationale Newsportal «Schweiz heute» einsetzte.

Alle Befragten sagen, die Bedeutung von Datenjournalismus habe zugenommen, und das nicht nur in den Datenredaktionen, sondern «vor allem in Bezug auf die alltägliche journalistische Arbeit», sagt Bettina Hamilton-Irvine, Co-Chefredaktorin der «Republik». «Zahlen und Datensätze einzuordnen, Quellen und methodische Grundlagen zu prüfen oder Entwicklungen basierend auf Daten nachzuvollziehen, ist in vielen Themenfeldern zentral.»


KI ist angekommen, aber nicht überall

Gut ein Drittel arbeitet mit künstlicher Intelligenz, allerdings vor allem für die Suche nach Material.

KI ist angekommen, aber nicht überall
Gut ein Drittel arbeitet mit künstlicher Intelligenz, allerdings vor allem für die Suche nach Material.

Quelle: European Journalism Centre, «State of Data Journalism Survey 2023», Kapitel «AI and OSINT». Internationale Umfrage, 768 ausgewertete Antworten. Die ersten vier Werte sind Anteile der KI-Nutzenden, OSINT ist der Anteil aller Befragten. Erhebung Dezember 2023.


Am Anfang war Corona

Bei Tamedia-Sprecher Edi Estermann tönt es ähnlich: «Komplexe Themen, vom Gesundheitswesen bis hin zu Wahlen auf allen politischen Ebenen, lassen sich für unser Publikum mit fundierter Datenanalyse verständlich und glaubwürdig einordnen.» Datenjournalismus sei für Tamedia deshalb «strategisch sehr wichtig; wir bündeln sehr viel Know-how beim ‹Tages-Anzeiger›.»

Die NZZ sieht einen Grund für den starken Schub in Richtung Datenjournalismus der letzten Jahre in der Corona-Pandemie, als «die Analyse und verständliche Darstellung grosser Datenmengen für die Berichterstattung besonders wichtig wurde». Seither habe auch visueller Journalismus insgesamt deutlich an Bedeutung gewonnen.

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SRF verweist auf die «wachsende Verfügbarkeit grosser Datensätze» wie etwa bei den Epstein-Files. «Um solche Daten nicht nur durchsuchbar zu machen, sondern Muster und Trends darin aufzuspüren, braucht es die Expertise von Datenjournalistinnen und -journalisten», sagt Roger Muntwyler. Gleichzeitig sei die Nachfrage nach «Dashboards», also nach Visualisierung von Live-Daten zu aktuellen Themen, auch nach Corona ungebrochen. Als Beispiel dafür nennt er den SRF-Klimamonitor.


Suisse Secrets: 48 Redaktionen, keine aus der Schweiz

Das Bankengesetz hat Schweizer Redaktionen von der grössten Recherche über den Schweizer Finanzplatz ausgeschlossen.

Suisse Secrets: 48 Redaktionen, keine aus der Schweiz
Das Bankengesetz hat Schweizer Redaktionen von der grössten Recherche über den Schweizer Finanzplatz ausgeschlossen.

Quellen: OCCRP; kleinreport.ch, 20.2.2022; Art. 47 Bankengesetz


Erfolg bei Leserinnen und Lesern

Im Nutzermarkt, also bei den Leserinnen und Lesern, kommen die Datengeschichten «sehr positiv» an. Das betont nicht nur Edi Estermann: «Datengestützte und interaktive Geschichten erzielen überdurchschnittliches Engagement und werden von unserem Publikum als Vertrauensbeweis für sorgfältigen und ausgewogenen Journalismus wahrgenommen.»

Auch bei der NZZ funktionieren «datengestützte und visuell erzählte Geschichten sehr gut». Die NZZ-Nutzerinnen und -Nutzer schätzen «insbesondere interaktive Rechner und Karten sowie animierte Grafiken». SRF sagt, dass datengestützte Recherchen beim Publikum auf so grosses Interesse stossen, «da sie in der Regel reproduzierbar sind und ein fast schon wissenschaftliches Vorgehen voraussetzen.» Das erhöhe die «Glaubwürdigkeit der Resultate».

Bei CH Media verzeichnen die Datengeschichten nicht nur «erfreulich gute Zahlen, was die Zugriffe und Verweildauer» angeht, sondern auch bei Abo-Neuabschlüssen. «Besonders dann, wenn sie nahe an den Leserinnen und Lesern sind.» Es ist deshalb nicht überraschend, dass alle Medienhäuser davon ausgehen, dass die Bedeutung des Datenjournalismus weiter steigen wird.

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