Mark Eisenegger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. (Bild: unizh)

Mediennews

15.06.2026

«Nachrichtenkonsum ist keine Frage des Alters.»

Im Nationalen Forschungsprogramm «Digitale Transformation» (NFP 77) haben Wissenschaftler fünf Jahre lang in 46 Forschungsteams den digitalen Wandel untersucht. Ein wichtiges Thema war dabei die Mediennutzung der Jugendlichen.

Jugendliche nutzen ihr Smartphone rund 400 Minuten am Tag, aber nur gerade 7 Minuten für journalistische Nachrichten – war das bei uns damals anders?

Mark Eisenegger: Wir haben keine Langzeitdaten. Damals, als wir sozialisiert wurden, gab es ja keine Smartphones. Dieser Unterschied ist zentral. Für die Jugendlichen ist das Smartphone das wichtigste Gerät zur Information und man muss davon ausgehen, dass das Smartphone der wichtigste Treiber für die Nachrichtenabstinenz ist, weil die Ablenkung auf den Geräten einfach sehr gross ist. Wir wissen: Wer viel soziale Medien nutzt, hat zugleich die geringste Bindung zu journalistischen Marken. Die Nachrichtendeprivation hat viel mit dem digitalen Medienwandel zu tun. Früher war die Sozialisation eine andere, weil sich der Medienkonsum der Eltern oder der Peers beobachten liess. Heute bekommt man das gar nicht mehr mit, wenn andere journalistische Medien konsumieren, weil ein Handy von aussen immer gleich aussieht.

Sie sagen, dass Jugendliche wenig Nachrichten konsumieren, liege nicht am Angebot, sondern am mangelnden Interesse. Müssen wir mehr über Taylor Swift berichten als über Elisabeth Baume-Schneider?

Das politische Interesse hat sich in der Studie als absolute Schlüsselvariable entpuppt. Wer sich für Politik interessiert, nutzt mehr Nachrichtenmedien, weiss mehr und beteiligt sich stärker an politischen Prozessen. Neben der Förderung der Medienkompetenz braucht es deshalb auch eine Förderung der politischen Kompetenzen. Softnews helfen nur bedingt: Newsdeprivierte sind auch über Taylor Swift sprich Softnews weniger gut informiert, wie unsere letztjährige Studie zeigt. Mehr unterhaltende Inhalte zu bringen, hilft den Medien also nicht. Dennoch spielt das Angebot eine grosse Rolle. Wir haben die jungen Erwachsenen gefragt, was sie erwarten. Zum Beispiel wünschen sie sich mehr konstruktiven Journalismus, also nicht nur negative Nachrichten. Zudem möchten sich Jugendliche mit dem Absender identifizieren können. Übrigens sind Frauen signifikant mehr von Newsdeprivation betroffen. Daraus kann man schliessen, dass Nachrichten noch zu männerlastig sind.

Jugendliche steuern kaum verschwörungstheoretische Plattformen an. Aber Medien nutzen sie trotzdem nicht?

Das ist ein wichtiger Befund: Auch Jugendliche, die kaum journalistische Angebote nutzen, sind sich der Qualität bewusst und sind in der Lage, Titel mit hoher oder tiefer Qualität zu unterscheiden. Sie erkennen Verschwörungstheorien und kennen Medien, denen sie vertrauen können. In Krisenzeiten kehren sie zum Journalismus zurück. Das haben wir in der Pandemie erlebt.

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Bereits 18 % nutzen KI als zentrale Nachrichtenquelle. Begnügen sie sich damit?

Nein, fast ein Fünftel nutzt zwar KI als Nachrichtenquelle, aber erst drei Prozent nennen Chatbots als Hauptinformationsquelle. Beide Anteile haben aber einen starken Aufwärtstrend. Die Zero-Click-Problematik wird sich also ausweiten, weil nur wenige KI-Nutzer auf die Quellen klicken. Das setzt den Journalismus zusätzlich unter Druck.

Erwarten Sie, dass Jugendliche, die kaum Nachrichten konsumieren, sich als Erwachsene später anders verhalten?

Nein, das ist leider nicht so. Wir können die Kohorte der heute 35 bis 44 Jahre alten Menschen vergleichen mit der Gruppe, die vor zehn Jahren 25 bis 34 Jahre alt war. Wir stellen dabei fest, dass die Mediennutzung im Vergleich der gleichen Alterskohorten abnimmt. Das bedeutet, dass der Nachrichtenkonsum keine Frage des Alters, sondern der Mediensozialisation ist. Wer daran gewöhnt ist, dass er wenig Nachrichten konsumiert, wird dies auch im Alter beibehalten. Es wäre deshalb wichtig, Jugendliche in den Schulen an den Journalismus heranzuführen und zu zeigen, wie Medien funktionieren.


Mark Eisenegger ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

Nationalen Forschungsprogramm «Digitale Transformation» (NFP 77):
nfp77.ch

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