Die «New York Times» hat allen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Einsatz von Künstlicher Intelligenz beim Schreiben und Herstellen von Bildern verboten. Das berichtet das Tech-Medium «Futurism», das den internen E-Mail-Versand einsehen konnte. Festangestellte Redakteurinnen und Redakteure unterliegen separaten, weniger restriktiven Richtlinien. Der Schritt folgt auf eine Serie von KI-bedingten Pannen, die das Ansehen des Blattes beschädigt haben.
Das Verbot ist weitreichend. Es umfasst nicht nur das Verfassen von Artikeln, sondern auch das Überarbeiten, Verbessern oder Umformulieren von Texten mithilfe von KI. Namentlich verboten sind Chatbots wie ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity, KI-gestützte Suchprodukte wie Google AI Overviews sowie Bildgeneratoren wie DALL-E, Midjourney und Adobe Firefly. Erlaubt bleibt der Einsatz von KI einzig für übergeordnetes Brainstorming. «All writing and visuals that freelancers submit to The Times must be the product of human creativity and craft», heisst es in der internen E-Mail vom 12. Mai 2026.
Auslöser für das verschärfte Regelwerk sind mehrere öffentlichkeitswirksame Vorfälle. Im Januar wurde ein freier Kritiker entlassen, nachdem eine KI-generierte Buchrezension als weitgehend plagiiert erkannt worden war. Im März geriet ein Beitrag in der Kolumne «Modern Love» in die Kritik, weil die Verfasserin zugab, Chatbots zur Konzeption und Überarbeitung eingesetzt zu haben. Besonders schwer wog ein Vorfall vom April: Die Kanada-Büroleiterin der Zeitung verwendete ein KI-Tool, das ein Zitat des konservativen Oppositionsführers Pierre Poilievre halluzinierte. Die Korrektur erschien erst am 1. Mai, mehr als zwei Wochen nach Publikation.
Zweierlei Mass bei Freien und Festangestellten
Das Blatt betonte gegenüber «Futurism», das Verbot sei Teil einer regelmässigen Aktualisierung der Richtlinien. «Wir geben freien Mitarbeitern regelmässig Leitlinien. In diesem Fall wollten wir unsere Richtlinien zur Nutzung von KI klarmachen», teilte ein Sprecher mit. Festangestellte Redaktionsmitglieder arbeiten weiterhin mit intern genehmigten KI-Werkzeugen. Welche Tools das sind und unter welchen Bedingungen, liess das Unternehmen offen.
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Der Fall zeigt eine Spannung, die viele Redaktionen kennen: KI-gestützte Werkzeuge gelten intern als akzeptabel und effizienzfördernd, während bei externen Beitragenden strenge menschliche Autorschaft verlangt wird. Kritiker merken an, dass nicht Freie, sondern eine festangestellte Büroleiterin den gravierendsten Fehler zu verantworten hatte. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich in anderen Häusern: Bei «Ars Technica» (Condé Nast) wurde eine Redaktorin entlassen, nachdem halluzinierte Zitate in einem Bericht aufgetaucht waren.
Die «New York Times» ist eines der meistgelesenen Zeitungshäuser weltweit. Wie die Branche insgesamt steht sie unter dem Druck, KI-Effizienz zu nutzen und gleichzeitig redaktionelle Glaubwürdigkeit zu wahren. Der Vorfall macht deutlich, dass interne Richtlinien allein nicht ausreichen, solange Verifikationsprozesse nicht entsprechend angepasst werden. Branchenbeobachter erwarten, dass weitere Medienunternehmen ihre KI-Richtlinien in den kommenden Monaten konkretisieren und öffentlich machen werden.
Quelle
«Futurism» – Maggie Harrison Dupré: «New York Times Issues Stern Warning to Its Freelance Writers About AI Use»



