Dieser Zeichner aus dem Jura täuscht. Hinter der sanften Erscheinung steckt ein scharfer Satirenstrich. Und eine berührende Wärme, wenn er junge syrische Flüchtlinge aufsucht.
Pierre-Olivier Comment kennt niemand. Aber Pitch Comment – das sagt im Jura und weit darüber hinaus etwas. So etwa in Bern, Ende letzten Jahres, als die Jury des Swiss Cartoon Award eine seiner Zeichnungen zur besten des Jahres 2025 kürte. Als er im Dezember nominiert wurde, erzählte er ATS-Keystone: «Ich war schon mehr als zufrieden, als ich erfuhr, dass ich unter den 16 Finalisten bin. Der erste Platz – das ist wie Weihnachten!»
Wir treffen den 55-jährigen Zeichner in seinem Heimatort Pruntrut an einem sonnigen Ersten Mai. Wir kommen auf Theater zu sprechen, auf Aufführungen, bei denen er live auf der Bühne zeichnet – und schon bei der ersten Frage zögert er: «Was unterscheidet Deutschschweizer und Westschweizer Pressekarikaturen?» Pitch kennt die andere Seite der Saane kaum und tastet sich vor: «Ich glaube, die Deutschschweizer sind weniger politisch, weniger satirisch. Wir haben in diesem Bereich die französische Kultur. Wir können scharf sein, sie etwas weniger.»
KI hat keinen Humor
Für ihn hat der Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» vom 7. Januar 2015 seine Arbeit nicht verändert: «Im Ajoie bin ich weit weg von der Welt, abgeschieden – auch wenn ich eine angespanntere Atmosphäre spüre.» Eine Zeichnung desselben Magazins – «Les Bronzés font du ski» nach der Tragödie von Crans-Montana – machte mit rasender Geschwindigkeit in den sozialen Netzwerken die Runde, weitergeteilt von empörten Nutzern. «Ich habe trotzdem gelacht. Mich schockiert keine Karikatur, und es ist Charlies Rolle, zu provozieren», sagt der Künstler.
Pitch befürchtet, dass Künstliche Intelligenz in der Illustration immer mehr Einzug hält. «Wir haben bereits das Unvorstellbare überschritten – das ist mega-gruselig!» Er erwähnt den belgischen Comiczeichner Nix mit seiner erfolgreichen Humorstrip-Reihe Kynki & Cosy, der nebenbei auch Ingenieur ist. Nix hat die Maschine mit all seinen Daten und früheren Werken gefüttert und festgestellt: Die KI arbeitet schnell, aber das Ergebnis ist nie witzig. Gute Nachricht: KI hat keinen Humor – könnte ihn aber noch lernen …
Durchbruch mit «Super-Elector»
Mit 16 Jahren verlässt Pitch den Jura, um vier Jahre lang die Académie Maximilien De Meuron in Neuenburg zu besuchen. Danach geht er als freier Hörer an die École des Beaux-Arts nach Paris. Es folgen Brüssel und die Ecole des Arts Décoratifs, wo er sich auf die Darstellung von Holz- und Marmorimitat spezialisiert. Zurück in Pruntrut gestaltet er Theaterdekors und ist ein Stammgast im Bistro «Deux Clefs». Dort trifft er sich mit einem Freundeskreis, und immer wieder landet das Gespräch beim selben Thema: dem blutleeren Wahlkampf für den Jurassischen Staatsrat 2006.
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Sie beschliessen, den Blog «Super-Elector» zu lancieren, nach dem Prinzip der Thekengespräche. «Ich kannte mich in der Politik überhaupt nicht aus, aber meine Kollegen lieferten mir die Ideen – und es hat eingeschlagen.» Die Westschweizer Medien werden auf dieses Phänomen aufmerksam, und 2008 entdeckt ihn ein kostenloses Wochenblatt, für das er bis 2020 arbeiten wird.
2009 laden ihn Thierry Barrigue und Mix & Remix vor dem Start von «Vigousse» zu einer Probezeit ein. Dass Pitch die Prüfung glänzend bestanden hat, versteht sich von selbst: Er zeichnet noch immer für das kleine Westschweizer Satiremagazin, genau wie er es für «Le Matin Dimanche» und andere Publikationen getan hat. Heute arbeitet er mit Heidi.news und dem «Quotidien Jurassien» zusammen und ist nach wie vor eine Stütze der Satire-Website «La Torche», dem politischen Nachrichtenmedium aus dem Jura. Dort fühlt er sich vollkommen frei – genau wie bei «Vigousse».
Pitch hat sich die eine oder andere Klage eingefangen – das gehört zum Beruf. Die erste kam von Oskar Freysinger, doch die Affäre wurde ohne weitere Folgen eingestellt. Auch gegen Heidi.news wurde Klage erhoben, allerdings nicht nur wegen einer Zeichnung. Am meisten Energie kostete eine Anzeige wegen eines Journalisten, der in der Pruntruter Fasnachtszeitung verspottet worden war. Auch dieser Fall hat sich von selbst erledigt.
Die jurassischen Kämpfer im Comic
Nach dem Erfolg der fünf Bände der Comicreihe «Les Indociles», die die bewegte Geschichte des Juras anhand prägender Figuren von den 1960er-Jahren bis zum Jahr 2000 erzählte, legte das Team diesen Frühling mit «Les Inaptes» nach. Das Szenario und die Texte stammen von Camille Rebetez, die Zeichnungen – natürlich – von Pitch. Einen Teil seiner Arbeit hat er an die Koloristin Amélie Dupré delegiert. «Das hat mir eine grosse Last abgenommen. Amélie hat nicht versucht, meinen Stil zu kopieren, sie hat ihren eigenen und das ist wunderschön!» Die Trilogie soll vor dem Sommer 2027 abgeschlossen sein. RTS hat «Les Indociles» verfilmt – wird der Sender «Les Inaptes» folgen lassen? Der neue Band knüpft an das Leben der Kinder an, die während der Jurakämpfe geboren wurden.
In einem RTS-Interview erzählt Camille Rebetez, dass er nach «Les Indociles» nichts mehr zu erzählen hatte. Dann kamen die Pandemie, die Klimastreiks: «Das gab mir eine Thematik, die sich durch die gesamte Trilogie ziehen wird, und einen Fluchtpunkt. Ich wollte, dass es gut ausgeht – trotz des Klimathemas. Ich glaube, ich habe eine glaubwürdige Lösung gefunden – das Ziel jedes Autors, der keinen Historienroman schreibt», erklärte er im Radio.
Pitch erzählt auch von seinem Aufenthalt in Gaza mit zwei anderen Zeichnern: Thierry Barrigue und Nicolas Sjöstedt. Ein eindrücklicher, bewegender Moment – genau wie die gezeichneten Porträts, die er in griechischen Flüchtlingslagern für syrische Geflüchtete anfertigte. Im April 2024 sagte er gegenüber «L’Illustré» über Gaza, er habe das Gefühl, «dass das nie aufhören wird». Um das Erlebte in den Lagern zu verarbeiten, könnte Pitch daraus einen Comic machen. Er denkt daran, denn: «Wenn dir ein 14-jähriges palästinensisches Flüchtlingsmädchen erklärt, dass es bereits drei Kriege erlebt hat, verschlägt es einem die Sprache.»
Fest verwurzelt in seiner jurassischen Heimat, behält Pitch ein sehr waches Auge auf die Welt.
«Les Inaptes», Camille Rebetez, Pitch Comment und Amélie Dupré, Editions Antipode, 80 Seiten.

Pitch Comment, geboren 1970, lebt in Pruntrut (JU). Bekannt wurde er mit einem Blog über die Wahlen in seinem Kanton. Als Zeichner ist er langjähriger
Mitarbeiter der Satire-Zeitschrift «Vigousse» und der Satire-App «La Torche 2.0.» Im «Quotidien jurassien» erscheint wöchentlich eine seiner Zeichnungen.



