Angesichts einbrechender Werbeeinnahmen und wachsender Konkurrenz durch Tech-Plattformen richte Tamedia sein Geschäftsmodell konsequent auf Aboerlöse aus. Das sagte Tamedia-CEO Jessica Peppel-Schulz im Interview mit der österreichischen Tageszeitung «Der Standard». «Werbung ist für uns opportunistisch, aber strategisch setzen wir auf Abonnements», so Peppel-Schulz. Von vier Franken Werbeausgaben fliessen in der Schweiz drei Franken an die grossen Tech-Plattformen.
Gleichzeitig bleibt Werbung für Tamedia ein relevanter Baustein. Um das digitale Werbegeschäft zu stärken, holte der Konzern die Vermarktung Anfang 2025 mit Tamedia Advertising wieder ins eigene Haus. «Unser digitales Werbegeschäft ist 2025 um 30 Prozent gewachsen – in einem Markt, der insgesamt schrumpft», sagte Peppel-Schulz. Werbung helfe, den Wandel zu finanzieren. «Aber strategisch zählt für uns nur eines: das Abonnement.» Als Ziel für die nächsten drei bis fünf Jahre nannte Peppel-Schulz einen Mix von 60 Prozent Print- und 40 Prozent Digitaleinnahmen – heute stammen noch über 85 Prozent der Erlöse aus dem Print. Die Zahlungsbereitschaft der Schweizer Bevölkerung für digitale Nachrichten sei in Europa nach den skandinavischen Ländern am höchsten, sagte Peppel-Schulz: «Das ist unser Kapital, und wir heben es.»
Bernhard Odehnal, der als Auslandkorrespondent von 2004 bis 2025 für Tamedia gearbeitet hat, reagierte auf das Interview mit einer geharnischten Stellungnahme. Dass ausgerechnet die CEO von Tamedia das Hohelied auf den Lokaljournalismus singe, sei an Zynismus kaum zu überbieten. «Denn es war die Tamedia, die in den letzten zwei Jahrzehnten systematisch lokale und regionale Tageszeitungen aufkaufte, fusionierte und schliesslich zusperrte.» Tamedia habe damit «die Medienvielfalt in der Schweiz nachhaltig zerstört».
Peppel-Schulz sei für diese Entwicklung nicht allein verantwortlich. «Sehr wohl verantwortlich ist sie jedoch für eine Entlassungswelle im Herbst 2024, die auch die Redaktionen hart traf», schreibt Odehnal. Und sie sei für die «extrem schlechte Stimmung in den Tamedia-Redaktionen» verantwortlich. «Während sie neue Managementposten mit unklareren Jobbeschreibungen und seltsamen Titeln wie ‹Growth Evangelist› schuf, wurden die Redaktionen immer weiter ausgedünnt.» Viele Journalistinnen und Journalisten hätten Tamedia deshalb frustriert verlassen. «In der Bilanz von Peppel-Schulz scheint das jedoch als Erfolg auf, weil sie die Zahl der Entlassungen niedriger halten konnte als ursprünglich angekündigt», schreibt Odehnal.
Quelle: Der Standard – Harald Fidler: «Wir denken nicht ans Ende von Print, sagt CEO des grössten Schweizer Zeitungskonzerns»
Link: https://www.derstandard.at/story/3000000332724/wir-denken-nicht-ans-ende-von-print-sagt-ceo-des-groessten-schweizer-zeitungskonzerns
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