In dieser Rubrik sprechen wir normalerweise mit Schweizer Journalisten, die unter schwierigen Bedingungen im Ausland arbeiten. Diesmal kehren wir das Prinzip um: Wir haben Gabe Bullard getroffen, einen amerikanischen Journalisten, der seit kurzem in der Schweiz lebt.
Von Matthias Zehnder
Gabe Bullard sitzt in einem Kaffee in Basel. Mit seiner Hornbrille und seinem Pullover könnte er auch einer der Lehrer des Gymnasiums gleich nebenan sein. Er spricht leise, aber präzise. In den USA hat er für den Radiosender KMOX gearbeitet, für National Geographic und das öffentliche Radio NPR. Er macht sich Sorgen über die Arbeitsbedingungen der Medien in seiner Heimat. Gerade hat das Pentagon versucht, neue Regeln für Journalisten einzuführen. Die meisten akkreditierten Medien haben sich den Regeln verweigert. Auch Fox News war nicht einverstanden damit.
Meinungsfreiheit vor dem Staat
Ist in den USA die im ersten Verfassungszusatz geregelte Meinungsfreiheit in Gefahr? «Das ist sie», sagt Gabe Bullard. Was aber oft übersehen werde: «Der First Amendment gilt nur gegenüber dem Staat.» Wenn ein soziales Netzwerk eingreife und einen Account wegen Hasskommentaren oder Falschinformationen sperre, sei das kein Fall für den First Amendment, weil es nicht der Staat sei, der eingreife. «Meinungsfreiheit bedeutet, dass man sagen darf, was man will, ohne dass der Staat eingreift. Sie bedeutet aber nicht, dass man es sagen kann, ohne Widerspruch zu ernten oder die Stelle zu verlieren.» Genau das passiere in den USA, etwa nach dem Attentat auf Charlie Kirk.
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Ist das die Schuld von Donald Trump? Gabe Bullard sagt, der grosse Bruch in der amerikanischen Mediengeschichte liege viel weiter zurück als die Wahl von Donald Trump. Er habe sich schon unter Ronald Reagan ereignet. «Fast vierzig Jahre lang galt die sogenannte Fairness Doctrine: Sie verpflichtete Radio- und TV-Sender, gesellschaftlich relevante Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Begründet wurde das mit der Idee, dass die Frequenzen allen gehören und die Sender daher der Allgemeinheit dienen sollten.» Diese Regel wurde in den 1980er-Jahren abgeschafft. Das Argument: Sie verletze den ersten Verfassungszusatz, weil sie private Medien dazu zwinge, Inhalte zu senden, die sie sonst nicht senden würden. «Seither haben parteipolitische Medien und die Polarisierung stark zugenommen. Der Aufstieg des konservativen Talkradios begann genau nach dem Ende der Fairness Doctrine», sagt Gabe Bullard.
Hoffnung auf das Lokale
Dazu kommt, dass Präsident Donald Trump die Medien mit Klagen unter Druck setzt. Auch der Umgang mit dem Pressepool des Weissen Hauses habe sich verändert, sagt Gabe Bullard. «Die Regierung hat die Kontrolle darüber stärker übernommen und schränkt ein, wer dem Präsidenten Fragen stellen darf. Besonders sichtbar war das im Streit mit der Nachrichtenagentur Associated Press.» AP weigerte sich, den Golf von Mexiko als «Gulf of America» zu bezeichnen und wurde deshalb aus dem Pressepool ausgeschlossen. Gabe Bullard sagt, die US-Medien seien ohnehin geschwächt. «Jede zusätzliche Belastung etwa durch Klagen, Ermittlungen oder blockierte Fusionen ist ein Risiko, das viele Redaktionen vermeiden wollen.» Entsprechend vorsichtig seien Fernsehsender wie CBS oder ABC. «Offiziell heisst es, Entscheidungen seien unabhängig. Aber vieles wirkt, als folge es dem Druck der Regierung. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Jimmy Kimmel, dass Widerstand gegen politischen Druck Wirkung haben kann.» ABC sah sich nach Protesten gezwungen, die Absetzung der Late Night Show «Jimmy Kimmel Live!» zurückzunehmen.
Hoffnung sieht Gabe Bullard im Lokalen: «Die Zukunft gehört kleinen Start-ups, die wieder Gemeindethemen aufgreifen.» Er selbst arbeitet weiterhin für US-Medien. In Basel engagiere er sich zudem bei der «English Show» auf Radio X: «Das macht viel Spass, und ich hoffe, künftig mehr auch lokal arbeiten zu können.»
Gabe Bullard
Gabe Bullard stammt aus dem Mittleren Westen. Er studierte Journalismus, Politikwissenschaft und Videoproduktion an der Webster University in St. Louis. Nach Stationen bei «National Geographic» und dem Radiosender NPR leitete er verschiedene Redaktionen und entwickelte digitale Strategien für Nachrichtensendungen. Seit 2023 lebt er in Basel und arbeitet als freier Journalist unter anderem für «T he Washington Post», «99% Invisible», «Smithsonian» und «Nieman Reports».



