Davon reden ist nicht schwer, es zu sein dagegen sehr: kreativ arbeiten ist in der Kreativwirtschaft zuweilen eine Plage. Auch und gerade auf Redaktionen, die vor lauter Effizienz und Kostendruck kaum mehr ein uns aus wissen. Hier kommen deshalb einige Kreativtechniken für die Praxis.
1. Was ist Kreativität?
Im Wort «Kreativität» steckt das lateinische Wort «creare», auf Deutsch «erschaffen», «hervorbringen» oder «zeugen». Anthony Brandt und David Eagleman definieren Kreativität in ihrem Buch als die grundlegende menschliche Fähigkeit, Neues zu schaffen und die Welt ständig neu zu gestalten. Sie beschreiben Kreativität als ein fundamentales kognitives Phänomen, das den Menschen ausmacht.
Alles nur geklaut.
«Erschaffen» klingt nach Grossem. Austin Kleon sagt dagegen: «Alles nur geklaut.» Jede kreative Person werde gefragt: «Woher nehmen Sie Ihre Ideen?» Die ehrliche Antwort laute: «Ich klaue.» Austin Kleon sagt deshalb: «Jede neue Idee ist nur das Mashup oder der Remix einer oder mehrerer vorheriger Ideen.» Das sei auch in der Biologie so: Jeder Mensch sei ein Unikat, bestehe aber genetisch aus dem, was Vater und Mutter weitergegeben haben. «Du bist ein Remix deiner Mutter und deines Vaters und all deiner Vorfahren», schreibt Austin Kleon. «Du bist ein Mashup von all dem, was du in dein Leben lässt. Du bist die Summe deiner Einflüsse.» Anders als Mutter und Vater kann man sich seine kulturellen Einflüsse aber aussuchen. David Bowie sagte deshalb: «Die einzige Kunst, mit der ich mich beschäftige, ist die, bei der ich klauen kann.»
Das gilt nicht nur für die Kunst. David Eagleman sagt, das menschliche Gehirn habe die grundlegende Fähigkeit, die Welt nicht nur wahrzunehmen, sondern «Was-wäre-wenn»-Versionen davon zu erzeugen. Das Gehirn ist also darauf ausgelegt, ständig neue Versionen der Welt zu kreieren.
2. Wie Ideen entstehen
Kreativität folgt oft einem Prozess aus vier Schritten:
Vorbereitung
Das Problem wird eingehend und rational analysiert. Alle relevanten Aspekte werden einbezogen. Das kann durchaus anstrengend und frustrierend sein: Dieses Eintauchen kann an die eigenen Grenzen führen.
Inkubation
Das Problem wird beiseitegelegt. In dieser Phase verdaut das Unbewusste die aufgenommenen Informationen ohne die Einschränkungen der bewussten Selbstzensur. Daniel Goleman bezeichnet das als Arbeit in der Dämmerzone des Gehirns.
Erleuchtung
Wenn die unbewusste Arbeit abgeschlossen ist, kommt es zur Eingebung, zum «Heureka»-Moment, zur Inspiration. Das ist der Moment, in dem die Lösung scheinbar aus dem Nichts erscheint. Häufig geschieht das während entspannender Tätigkeiten, etwa beim Joggen oder Rasieren.
Umsetzung
Jetzt wird es wieder anstrengend: Der brillante Einfall muss in die Tat umgesetzt werden, um ihn für sich selbst und andere nutzbar zu machen.
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3. Kreative Techniken
Anthony Brandt und David Eagleman sprechen in «How Human Creativity Remakes the World» von den drei «B»: Bending (Verbiegen), Breaking (Brechen) und Blending (Verschmelzen).
Bending (Verbiegen)
Eine bestehende Vorlage wird modifiziert oder aus ihrer Form verdreht. Dies umfasst Änderungen in Grösse, Form, Material, Geschwindigkeit oder Chronologie. Ein Beispiel ist Claude Monet, der die Fassade der Kathedrale von Rouen immer wieder aus demselben Winkel malte, aber immer wieder in einem anderen Licht.
Breaking (Brechen)
Ein Ganzes wird zerlegt und in überschaubare Teile aufgeteilt. Beispiele sind David Hockneys Fotocollagen oder die digitale Verpixelung, bei der ein Ganzes in winzige Elemente zerlegt wird.
Blending (Verschmelzen)
Zwei oder mehr Quellen werden zusammengeführt. Dies ermöglicht, dass verschiedene Denkstränge miteinander neue Ideen hervorbringen. Blending ist der Prozess, der Ideen wie Sushi-Pizza oder selbstheilenden Zement hervorbringt, der durch die Mischung von Mikroorganismen und Baumaterialien entsteht.
4. Zutaten für Kreativität im Redaktionsalltag
Für kreative Leistungen sind drei entscheidende Zutaten notwendig:
1. Fachwissen
Ohne Expertise keine Kreativität. Das meint einerseits Wissen, Informationen und Daten über ein Thema und andererseits Fertigkeiten und Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet. Menschen sind nie generell kreativ. Sie sind immer kreativ «in» etwas.
2. Kreative Denkfertigkeiten
Wir brauchen Methoden der mentalen Aneignung der Welt, die helfen, neue Möglichkeiten zu entdecken. Dazu gehören die Fähigkeit, eine grosse Zahl an Optionen durchzuspielen, sich lange zu konzentrieren, hohe Ansprüche zu stellen, Dinge aus neuen Perspektiven zu betrachten, sowie die Bereitschaft, Risiken einzugehen.
3. Leidenschaft und intrinsische Motivation
Eine gute Nachricht für Verleger: Geld ist nicht alles. Kreativität lebt vom Verlangen, etwas um des reinen Vergnügens willen zu tun (intrinsische Motivation), nicht wegen Belohnungen. Daniel Goleman sagt deshalb, die Leidenschaft sei das «Feuer unter dem Suppentopf», das alles aufheizt und die Aromen vermischt.
Das Ziel: der Flow
Das grosse Ziel ist der Flow. Daniel Goleman bezeichnet das als Zustand höchster Leistungsfähigkeit und Kreativität. Im Flow sind Menschen auf dem Gipfel ihrer Leistungsfähigkeit. Die Aufmerksamkeit ist ganz auf die anstehende Aufgabe gerichtet. Man scheint mit der Aufgabe eins zu werden und ist völlig davon in Anspruch genommen. Das Gefühl für Zeit schwindet, man ist immun gegen Ablenkungen und erreicht einen Zustand der Selbstvergessenheit.
Quellen
David Eagleman, Anthony Brandt: The Runaway Species: How Human Creativity Remakes the World, La Vergne 2017.
Daniel Goleman, Paul Kaufman, Michael L.Ray: Kreativität entdecken, 2. Aufl., München 2000 dtv 36136
Steven Johnson: Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation, New York 2010.
Austin Kleon: Alles nur geklaut: 10 Wege zum kreativen Durchbruch – Am Puls der Zeit – New York Times Bestseller -, übers. v. Patrick Hutsch, S.l. 2013.
Mark Turner: The Origin of Ideas: Blending, Creativity, and the Human Spark, New York (N.Y.) 2014.



