Wörter wie «Herzstück», exzessive Gedankenstriche und Formulierungen wie «mehr als nur» haben in Schweizer Medien seit der Einführung von ChatGPT deutlich zugenommen. Das belegt Julia Krasselt, Professorin am ZHAW Departement Angewandte Linguistik. Sie untersuchte im Auftrag der «NZZ am Sonntag» ein Korpus aus Deutschschweizer Medientexten auf typische KI-Ausdrücke. Das Ergebnis: KI verändert die Mediensprache messbar. Krasselt spricht von einem «Sprachwandel auf Speed».
Die Auswertung umfasst Texte aus der Produktion von Ringier, TX-Group, CH Media, NZZ, «Weltwoche», «WoZ» und SRF. Als Referenzwert gilt Dezember 2022, der Zeitpunkt, als ChatGPT in der Schweiz verfügbar wurde. Das Wort «Herzstück» etwa kam 2026 in den untersuchten Texten mehr als doppelt so häufig vor wie im Dezember 2022. Dreigliedrige Substantivaufzählungen nach dem Muster «X, Y und Z» nahmen markant zu. Auch die Verben «zeigen» und «unterstreichen» sowie Adverbien wie «entscheidend», «zutiefst» und «präzise» häufen sich.
Hinter diesen Mustern stehen laut Krasselt und Computerlinguist Rico Sennrich von der Universität Zürich mehrere Mechanismen. Sennrich erklärt: «Nach dem Lernen aus allgemeinen Daten folgt das ‹Instruction Tuning›. Bei diesem lernt das Modell anhand von konkreten Beispielen, was eine gute Antwort ist.» Diese Beispiele bewerteten schlecht bezahlte Klickarbeiter in Ländern wie Kenia oder Kolumbien. «Durch diese Spirale werden gewisse Muster übertrieben verstärkt.» Wörter wie «präzise» oder «entscheidend» signalisierten Kompetenz und erhielten deshalb positive Bewertungen.
KI formt Sprache, Sprache formt Menschen
Besonders auffällig: die Zunahme des Gedankenstrichs sowie von Verneinungsstrukturen wie «nicht …, sondern …» und «keine …, sondern …». Solche Strukturen haben in den untersuchten Texten um rund 50 Prozent zugenommen. Krasselt betont: Die Statistik beweise nicht, dass Verlage KI-geschriebene Texte veröffentlichen. Denkbar sei auch, dass Journalistinnen und Journalisten durch ihre tägliche Berührung mit KI-Texten bestimmte Formulierungen unbewusst übernehmen, dass die Menschen also sprachlich die KI nachahmen.
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Für die englische gesprochene Sprache hat das Max-Planck-Institut diesen Effekt bereits in einer Studie nachgewiesen. Die Forschenden bezeichnen ihn als «kulturellen Feedback-Loop», bei dem «kulturelle Eigenschaften in beiden Richtungen zwischen Menschen und Maschinen zirkulieren». Die Medien stehen dabei exemplarisch für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. KI-generierte Sprache breitet sich auch in Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung aus.
Krasselt sieht in der Entwicklung eine grundsätzliche Gefahr: KI-Sprache sei darauf trainiert, klug zu wirken, unabhängig von Inhalt und Fakten. Schreibende liessen sich von der geschliffenen Oberfläche ablenken. Ihr Fazit: «Wenn Leute Sachverhalte dadurch verständlicher erklären, finde ich das gut.» Den Ärger aber, wenn Politikerinnen und Politiker KI-Reden rezitierten oder Journalisten maschinell schrieben, könne sie «nachvollziehen». Ob der Gedankenstrich seltener wird, bleibt offen. Sam Altman, CEO von OpenAI, kündigte bereits an, ChatGPT habe das Zeichen auf Wunsch «abgestellt».
Quelle: NZZ am Sonntag – Ruth Fulterer, Martina Läubli: «Gedankenstriche, Herzstücke, mehr als nur . . . Konstruktionen: KI beeinflusst die Sprache in Medien messbar»



